Kunst/Medien/Popkultur
Ottingers Art Cinema
Das Projekt, das dieses schöne Buch verfolgt, ist enorm spannend:
Ein psychoanalytisch höchst versiertes Lesen der Filme und der fotografischen
Arbeiten Ulrike Ottingers wird verknüpft mit Überlegungen zur
Geschichte und zum Niedergang (so Rickels) der experimentellen Filmproduktion
im 20. Jahrhundert. Dabei folgt das Buch einem theoretischen und autobiografischen
Impuls der Arbeiten Ottingers, den Rickels „techno-feministisch“
nennt. Rickels Text stellt zudem den queeren Bewegungen, die Ottingers
Arbeiten durchziehen, eine Aufmerksamkeit für ästhetische Formulierungen
aus einer deutsch-jüdischen Filmautorinnen- Perspektive hinzu. Betont
werden so Verlust, Evakuierung und Vertreibung, Disjunktion, Nebeneinander
und Transfer als filmische Markierungen. Didaktisch verfährt das
materialreiche Buch dabei allerdings ganz und gar nicht. So fällt
mir als Leserin das Herumschweifende und Aneinandersammelnde an Laurence
Rickels Sprache durchaus schwer, und auch die Übersetzung kommt mir
oftmals wenig entgegen. Sehr freuen mich die Großzügigkeit
und Sorgfalt, mit der die Stills und Fotografien Ulrike Ottingers im Buch
reproduziert sind.
Johanna Schaffer
Laurence A. Rickels: Ulrike Ottinger. Eine Autobiografie
des Kinos. Übersetzt von Michaela Wünsch und Marietta Kesting.
226 Seiten, b_books, Berlin 2007
EUR 20,50

Genderfragen
in der Kunst
Aneinander reihen sich Interviews aus dem Kunstkontext mit Kuratorinnen,
Künstlerinnen, Aktivistinnen und/oder Theoretikerinnen, die unterschiedlich
spannend zu lesen sind: Jene am Beginn positionierten gestalten sich dabei
eher schleppend. Die Autorin pocht immer wieder auf die Beantwortung der
Frage nach den Geschlechterverhältnissen im Tätigkeitsbereich
der Interviewten. Für einige von ihnen stellt sich die Frage aber
nicht vordergründig, sondern es erschien mir, als ob es sich zwecks
der political correctness nun mal damit auseinanderzusetzen gelte. So
etwa gibt ein Mitglied des Kollektivs Bulbo aus Mexiko folgende fragwürdige
Aussage von sich: „…Dinge, die mit Essen einkaufen oder Küchengeräten
zu tun haben, werden meistens von Frauen erledigt, die dieses Wissen von
ihren Müttern auf eine natürliche Art und Weise erhalten haben…Beide
Geschlechter sind sehr verschieden und wir haben beide Bereiche, in denen
wir besser sind. Und somit ist es 16 Kunst/Medien/Popkultur natürlich
und sogar strategisch, dass wir das bei der Arbeitsaufteilung berücksichtigen.“
(Sebastian Diaz in Doderer 2008: 89). Der Sprecher scheint wohl noch nie
etwas von der Dekonstruktion eines heteronormativen, zweigeschlechtlichen
Systems gehört zu haben. Erst ab der Mitte des Buches mit dem Interview
von Katrina Daschner wird es spannend zu lesen und eine prioritär
queere, geschlechterreflexive Arbeitsweise der Interviewten deutlich.
Das ist der großartige Teil des Buches, der es zu einer wichtigen
Neuerscheinung macht.
Dominika Krejs
Yvonne Doderer: Doing Beyond Gender. Interviews zu Positionen
und Praxen in Kunst, Kultur und Medien. 180 Seiten, Monsenstein &
Vannerdat, Münster 2008
EUR 21,60

Who
are you to talk to me?
Gendermainstreamingbeauftragte dieser Welt, vereinigt Euch! Um dieses Schild
gruppiert zählt die Betrachterin vierzehn Frauen in emotionsloser Gestik
verharrend, von Dimitrovas Zeichnerinnenhand dorthin gesetzt, in eine Vereinigungsrunde
gepresst. Allianzt Euch!, heißt die Arbeit, der diese Zeichnung entnommen
ist. Einige Seiten weiter als Filmstreifen inszenierte Geschichten von Dandies,
in die Landschaft pissend, sich umarmend, Codes austauschend und bestätigend.
Kovacic betitelt die Szenen mit Slogans, die aus der Bildungsinstitutionswerbung
zu stammen scheinen: Team work as self-determination. Oder: Efficiency as
satisfying result. Die gemeinsame Publikation der Künstlerinnengruppe
H.arta (Timifloara) und der bildenden Künstlerin Katharina Morawek
(Wien) verhandelt die Zusammenhänge von gender und Wissen neu. Was
geschieht in den Institutionen? Wer definiert Arbeit mit welchen Konsequenzen?
Wo positioniert sich Feminismus zwischen dem Erbe des Realsozialismus und
der liberalen Aufweichung des politischen Kampfes? 22 Beiträge aus
einem feministischen Kunstkontext machen aus Are you talking to me? in erster
Linie ein fragendes Voranschreiten mit radikalem Anspruch: Wir stellen Fragen,
bekommen Antworten und flugs haben wir die Fragen schon wieder umformuliert,
liest mensch in der Einleitung. Ein patenter Sammelband und eine spannende
Dokumentation aktueller Kunstdiskurse.
Lisa Bolyos
Are
you talking to me? Discussions on Knowledge Production, Gender
Politics and Feminist Strategies. Hg. von H.arta und Katharina Morawek.
250 Seiten, Löcker, Wien 2008
EUR 19,80

Von
Visionen zu Dystopien
Der Band versammelt analytische Beiträge über feministische
Science-Fiction der letzten beiden Jahrzehnte. Barbara Holland-Cunz zeigt
in dieser Bestandsaufnahme, dass sich die feministische Science-Fiction
und die darin entworfenen gesellschaftlichen und politischen Gedankenexperimente
von einer utopischen Ausrichtung auf eine dystopische verschoben haben.
Die in früheren feministischen Werken dominanten gesellschaftlich-sozialen
Themen wurden zudem abgelöst durch genetisch- biologische Diskurse.
Auch wenn die Autorinnen des Bandes feststellen müssen, dass in der
feministischen SF-Literatur kaum mehr neue gesellschaftspolitische Visionen
entwickelt werden, so macht dies aus ihrer Sicht doch die gesellschaftspolitische
Funktion von Dystopien deutlich – als Warnung und Aufforderung,
technologische Entwicklungen weiterhin kritisch auf ihre gesellschaftlichen
Implikationen hin zu beleuchten. Der Band bietet neben dieser grundsätzlichen
Analyse aber auch eine Vielzahl an interessanten Perspektiven auf einzelne
Werke feministischer SF an. So setzt Dagmar Fink sich mit der queer-feministischen
SF von Melissa Scott auseinander. Entwickelt sich vielleicht hier ein
neues Feld für neue utopische Entwürfe? Mal sehen.
Roswitha Hofmann
genderzukunft. Zur Transformation feministischer Visionen
in der Science-Fiction. Hg. von Karola Maltry, Barbara Holland- Cunz,
Nina Köllhofer, Rolf Löchel und Susanne Maurer. 238 Seiten,
Ulrike Helmer, Königstein/T. 2008
EUR 20,50

Der
Körper als politisches Subjekt
Female trouble impliziert mehrere Verweise: Einmal war es Sammelbegriff
für jedwede Gebrechen psychischer und physischer Art, die der Frau
im Zuge ihrer Medikalisierung im 19. und 20. Jahrhundert attestiert wurden.
Weibliche Unpässlichkeiten. Zweitens ist ein klarer Bezug zu John
Waters gleichnamigem Film von 1974 da, der die Fetischisierung von gegenderten
Scheinqualitäten (Jugendlichkeit, Schlankheit, Schönheit) thematisiert.
Drittens lesen wir darin Judith Butler, Troubleing the implicit –
das scheinbar Selbstverständliche durcheinander schütteln. Die
Varianten der Inszenierung des eigenen und anderer Körper, die anhand
von über fünfzehn Künstlerinnen verhandelt werden, sind
kein gesellschaftliches Zufallsprodukt. Viel Blut, Verrenkung, Obszönitäten.
Der abgehackte Kopf von Marta Astfalck-Vietz in der Spiritusflasche (1927),
Birgit Jürgenssens Inszenierung mit Tierschädel (1979), Cindy
Sherman mit gebrochenem Gesicht in einem ihrer berühmten Filmstills
(#114, 1982). Aber auch die Lust an der Performanz: Tomoko Sawada in ihren
überweiblichten Rollenspielen (2004), Niki Lee als coole Checkerin
(2000) oder, wieder Jürgenssen, die titelbildgebende Katze (Olga,
1979) mit Menschengesicht, die weniger aussagekräftig ist als einfach
Spaß macht. So wird die Bandbreite der (Selbst)Inszenierung mit
dem simplen Mittel einer Fotokamera von vielen Seiten betrachtbar: Keine
Eindeutigkeiten, unter denen ab nun alle bildenden Künstlerinnen
kategorisiert werden könnten, sondern ein Einblick in die Idee vom
eigenen Körper als politisches Subjekt in der Kunst.
Lisa Bolyos
Female Trouble. Die Kamera als Spiegel und Bühne
weiblicher Inszenierungen. Ausstellungskatalog Pinakothek der Moderne,
München 17.7.-26.10.2008. Hg. von Inka Graeve Ingelmann. 240 Seiten,
Hatje Cantz, München 2008
EUR 36,–

Es
ist so ermächtigend
Die Bedeutung von Medien für feministische Arbeit ist offensichtlich:
Flugblätter, Transparente, Graffiti, Zeitschriften usw. – sie
alle stellen Öffentlichkeit her und verändern sie mit. In dem
von den „an.schläge-Frauen“ Lea Susemichel, Saskya Rudigier
und Gabi Horak anlässlich des 25- jährigen Jubiläums der
an.schläge herausgegebenen Sammelband werden feministische Medienarbeit
und deren Ergebnisse präsentiert, diskutiert und reflektiert. Lustvoll
gemeinsam feministisch sein wird da genauso beschrieben, wie Selbstausbeutung
und Ausgebranntsein, wenn die Arbeit – wie es Saskya Rudigier beschreibt
– zur „Identifikation pur“ wird. Von AUF über an.schläge
bis dieStandard.at oder Ihrsinn werden im ersten Teil des Buches Projekte
vorgestellt. Im zweiten Teil wird Medienproduktion schwerpunktmäßig
nach unterschiedlichsten Kategorien abgehandelt. Eine informative und
spannende Collage, die Lust aufs feministische Schaffen macht.
Paula Bolyos
Feministische
Medien. Öffentlichkeit jenseits des Malestream. Hg. von
Lea Susemichel, Saskya Rudigier und Gabi Horak. 212 Seiten, Ulrike Helmer
Verlag, Königstein/T. 2008
EUR 20,50

Nicht
schon wieder!
Traurig aktuell sind die Inhalte des Sammelbandes Kampfzonen, der die
Kulturpolitik in der Regierungszeit von Schwarz/Blau analysiert. Prominente
und aktive Kulturschaffende melden sich mit ihren Erfahrungen und Erkenntnissen
zu Wort. Isolde Charim, Daniela Koweindl, Marlene Streeruwitz, Sonja Eismann
u.v.a. besprechen und interpretieren die Entkoppelung von Kultur- und
Gesellschaftspolitik, das Einführen neuer, restriktiver Gesetze für
Kunstschaffende, die Auswirkungen rassistischer Fremdengesetze auf KünstlerInnen,
die Frage nach dem Verschwinden der Kultur in solcherart politischen Zeiten
(Kultur war einmal, stellt etwa Riedl in seinem Beitrag fest). Doch es
bleibt nicht bei einer perspektivlosen Analyse der grässlichen Regierungspolitik.
Der Anspruch ist vielmehr, Gegenstrategien zu verorten: Was kann Kulturpolitik
überhaupt können? Wo sind dem politischen Handeln in der medialen
Praxis Grenzen gesetzt? Was macht die selbsternannte künstlerische
Intelligenzia angesichts einer Regierungspolitik, deren subtiles Ziel
es ist, sie abzuschaffen? Im kollektiven, nicht im vereinzelten Kontext
werden diese Fragen diskutiert. Ein großartiger Beitrag zur österreichischen
Kulturgeschichte, dem seine Aktualität lieber erspart geblieben wäre.
Lisa Bolyos
Kampfzonen in Kunst und Medien. Texte zur Zukunft der
Kulturpolitik. Hg. von Konrad Becker und Martin Wassermair. 237 Seiten,
Löcker, Wien 2008
EUR 19,80

Klangreflexion
Olga Neuwirth gehört zu den erfolgreichsten österreichischen
KomponistInnen ihrer Generation. 1968 in Graz in eine musikbegeisterte
Familie hineingeboren, lernte sie Trompete, interessierte sich jedoch
schon früh für verschiedenste künstlerische Bereiche. Kompositionsstudium,
Studien im Bereich der elektroakustischen Musik, der Malerei und des Films
folgten. Zahlreiche internationale Auszeichnungen und Aufführungen
bei renommierten Festivals belegen ihren Rang. Ihre Vielfalt zeigt sich
auch in Gesprächen und kurzen Texten der Komponistin, die Reden,
Skizzen zu Libretti und Konzeptionen umfassen und nun in einem umfangreichen
Buch veröffentlicht wurden. Die Lektüre gibt nicht nur Einblick
in die (Weltund Klang-)Reflexion der Komponistin aus der eigenen Perspektive,
sondern setzt ihr Schaffen auch einer Außensicht aus, wobei darunter
wohl Elfriede Jelinek, mit der Olga Neuwirth eine lange Zusammenarbeit
verbindet, die bekannteste Autorin ist. Dieses Kompendium lässt sich
kreuz und quer lesen; es beschreibt weit mehr als die Position einer Künstlerin,
denn es zeigt überdies Möglichkeiten und Grenzen eines politisch-bewussten,
musikalisch- künstlerischen Schaffens auf. Eine beiliegende CD ermöglicht
eine hörbare Überprüfung der sprachlichen Worte.
Regina
Himmelbauer
Olga Neuwirth - Zwischen den Stuehlen. A Twilight- Song auf der
Suche nach dem fernen Klang. Hg. von Stefan Drees. 384 Seiten, mit CD.
Anton Pustet Verlag, Salzburg u.a.2008
EUR 32,–

Wie
es ist
Natürlich geht es wieder mal um die Wahrheit. Die Wahrheit, reproduziert
– oder gar erst produziert – durch die Kamera. Vielleicht
sind es auch mehrere Kameras, ein Bild vom Bild, durch die Katja Stuke
ihren Protagonist*innen nachschaut. Im Davonlaufen, im Umdrehen scheinen
sich die einen zu befinden. Die anderen in wohlgefälligem Unbeobachtetsein.
Das ist es auch, was Stukes Blick ein Stück weit zu dem einer Überwachungskamera
macht: Das Rauschen in den Farbtönen, die keiner bestimmten Richtung
zugewendeten Blicke. Ein Mann legt die Hand auf seine Hosentasche, wie
um sicher zu gehen, das alles so ist, wie es gerade eben noch war. Ist
es so? Könnte sein. Was die Bilder wirklich sind, ist schwer zu sagen.
Fernsehbilder, denn die, so Stuke, müssen wichtig sein, „sie
waren doch schließlich eine Meldung wert.“ Eine Sammlung von
Beobachtungen, in verschiedenen, nicht zuordenbaren Städten aufgenommen,
Anflüge von Geschichten, die die Fotografin nicht weitererzählt.
Traumwandlerisch, aber dann wieder zu kühl für einen Traum.
Der spezielle Blick von einer, die bedacht um sich schaut.
Lisa Bolyos
Katja Stuke: Könnte sein. 96 Seiten, Kodoji Press,
Baden/ CH 2008
EUR 46,30

Meine Meinung
© Verein Freundinnen der
Buchhandlung Frauenzimmer
Webmasterin: buchhandlung@frauenzimmer.at
|