Lesbensachbücher

Im „Vorzimmer der Mutmaßungen“
In diesem biografischen Essay findet Bewunderung für Gertrude Stein und Alice B. Toklas keine Nahrung. Gleich unter dem Schutzumschlag entdeckt man eine Handschrift aus dem Notizbuch von Stein, in der sie Toklas unter anderem als „Lügnerin der widerwärtigsten Prostituiertensorte“ bezeichnet. Erst nahezu am Ende des Buches erfährt man, dass sich zum Zeitpunkt der Niederschrift Stein und Toklas wahrscheinlich noch nicht ineinander verliebt hatten! Unumwunden offenbart Malcolm ihre Aversion gegenüber Steins Überheblichkeit, die diese angeblich zeitlebens geschickt hinter ihrem „Charme, der sich genau so wie ihre Korpulenz manifestierte“, versteckt hätte – und spricht Stein ihren Geniestatus ab. Danach wartet man an die hundert Seiten lang vergeblich auf eine Annäherung an die Beziehung von Stein und Toklas, erfährt aber nur einzelne Langweiligkeiten über die menschliche Feigheit, wenn es um Leben und Tod oder den guten Ruf geht. Nur eingefleischte Stein- Bewundernde werden auch dort weiterlesen, wo der Text das Thema verfehlt, um zu den wenigen maulzerreißenden Erkenntnissen zu gelangen: Toklas war Schnurrbartträgerin und Stein „the best cow giver in all the world“. Nach Formulierungen wie etwa diesen, dass Stein ihre „echten“ Texte „gewissermaßen auskotzen“ musste, bis dass zwischen „Schreiben und Scheißen“ nicht mehr unterschieden werden konnte, fragt man sich, ob nicht Malcolm selbst im „Vorzimmer der Mutmaßungen“ sitzen geblieben ist.
em

Janet Malcom: Zwei Leben: Gertrude und Alice. Übersetzt von Chris Hirte. 165 Seiten. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ M. 2008.
EUR 20,40


Käsekuchenköstlich

Welche würden denn nicht gerne in den Genuss von Beth Dittos Käsekuchenrezept kommen? „Hugs and Kisses“ serviert es. Das und eine breite Palette an Themen, die genüsslich das bunte Treiben queerer Kultur und Gedankenwelt abseits des Mainstreams zelebrieren. Im handlichen A5 Format porträtiert die erste Ausgabe die Tunte als schillerndes Zentrum der Geschlechterverwirrung, während sich die zweite Nummer mit eindrucksstarkem Imago der internationalen, queeren Burlesque- Szene widmet. Komplettiert werden die Schwerpunkte durch Interviews mit queeren Musiker_ innen und den Lieblingsstars zum Selberbasteln und in die Tasche stecken. Auch wenn die Themen mit erfrischendem, internationalem Schwung behandelt werden, ist „Hugs and Kisses“ ein echtes Hamburger Kind. Freuen würden wir uns auch über eine Releaseparty der bald erscheinenden dritten Nummer in Wien. Die Redaktion in St. Pauli sucht übrigens finanzielle Unterstützer_innen für viele weitere Ausgaben. Mit einem Monatsbeitrag von drei Euro sichern Mitglieder das finanzielle Überleben der Zeitschrift. Wir sagen: dem Kisses Club beitreten! XOXO
Doris Arztmann

Hugs and Kisses. tender to all gender. Magazine. Nr. 1 Oktober 07 und Nr. 2 April 08. Hamburg 2007/2008
EUR 4,–

Anregend
Die Münchner Psychoanalytikerin Manuela Torelli beschäftigt sich mit der Psychodynamik lesbischer Beziehungen, und dass sie das als offen lesbische Analytikerin tut, macht die Sache natürlich spannender und auch provokanter. Die Autorin suchte per Anzeige in Lesbenzeitschriften Lesben, die über ihre sexuellen Probleme in einem Interview sprechen wollten. Aus 20 tatsächlich zustande gekommenen Interviews wählte Torelli dann vier genauer auszuwertende Interviews aus, die den Kern des empirischen Teiles ihres Buches bilden. Christa Rohde-Dachser bezeichnet in ihrem Vorwort „die spezifische Ausprägung des lesbischen Penisneids, die Wichtigkeit der Identifizierung mit dem männlichen Partner der Urszene und die kollektive Zuschreibung der Gewalt an den Vater bzw. die Männer mit dem unbewussten Ziel, selbst die Opferrolle beizubehalten und sich keiner Aggression schuldig zu machen“ als die wichtigsten Ergebnisse. An dem wird schon klar, dass Torelli so manches tatsächliche oder fiktive Tabu der „lesbischen Subkultur“ brechen möchte. Das macht die Lektüre manchmal mühsam, manchmal herausfordernd, aber doch lohnend. Denn letztlich kommt die Autorin zu dem Schluss, dass es „keinen prinzipiellen Unterschied zwischen lesbischer und heterosexueller Sexualität zu geben [scheint], außer der Bewältigung und dem Verstehen der Wirkung des homosexuellen Tabus, das an lesbische Frauen besondere Anforderungen stellt und Integrationsleistungen fordert“.
HW

Manuela Torelli: Psychoanalyse lesbischer Sexualität. 327 Seiten, Psychosozial, Gießen 2008
EUR 41,10


Meine Meinung


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