| Romane
Westen lehrt Freiheit?
Wie selbstverständlich entsteht die Liebe zwischen einer jungen
Chinesin, die nach London kommt, um Englisch zu lernen, und dem offenen
Briten, den sie bei einem Kinobesuch kennen lernt. Was die beiden verbindet,
ist das Gefühl, sich am falschen Ort zu befinden. Was sie trennt,
sind die Sprache und kulturell geprägte Erwartungen an das Leben
und an Liebesbeziehungen. Während die Chinesin mehr und mehr lernt,
sich in der fremden Sprache auszudrücken und ihre Vorstellungen
zu formulieren, schwindet die Wahrscheinlichkeit und die Bereitschaft
sich gegenseitig zu verstehen. Die Autorin verteilt die Geschlechterrollen
eher traditionell, vermittelt sie aber über kulturelle Unterschiede.
Beziehungsthemen wie Nähe und Freiheit werden etwa als unterschiedliche
Entwürfe von Individualität, Kollektivität oder Privatsphäre
verhandelt. Ein wunderschönes, manchmal witziges und trauriges
Buch über die Kommunikation zwischen Körpern, die Unmöglichkeit
in Worten zu kommunizieren und dialogische Monologe mit dem geliebten
Gegenüber. Die deutsche Ausgabe präsentiert sich in edlem
Buchcover und die Übersetzung ist sehr gut gelungen. Allerdings
legt die Auseinandersetzung der Protagonistin mit der Sprache und ihren
Beschränkungen eher nahe, das englische Original zu lesen.
Doris Allhutter
Xiaolu Guo: Kleines Wörterbuch für Liebende. Übersetzt
von Anne Rademacher. 350 Seiten, Knaus, München 2008 EUR 20,60

Intensiv
verwandt
„Es geht um Paul & Paula, es geht um den Vater in der Tochter,
es geht um Missbrauch und Liebe“, so der Klappentext zu Birgit
Kempers „Sprachkonstruktionen“ zum Inzestfall in Amstetten.
Sprachlich fragmentiert nimmt der Text Blickwinkel ein, die auszublenden
bequemer wären. Tabuverletzend redet er vom Auflösen im Geliebten
und Vernichtetwerden, vom Vatergott, dem Herrn über Verlassensein
und Sehnsucht und darüber, wie es ist, „in einem sehr großen
Gott zu wohnen“. Eine schwierige Lektüre, auf die man sich
einlassen kann.
Doris Allhutter
Birgit Kempker: Sehnsucht im Hyperbett, ein transverfickter Diskurs.
205 Seiten, Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2008
EUR
19,00

Gesucht
– nicht gefunden
Irgendetwas stimmt nicht mit Pippa Lee. Nach außen ist sie brave
Gattin und Hausfrau eines erfolgreichen Verlegers. Sie ist 50, er 80.
Er will sein aufregendes New Yorker Leben hinter sich lassen und in
ein Seniorendorf ziehen. Pippa ist dort eine Außenseiterin. Ihr
Gemüt gerät ins Wanken, sie wandelt im Schlaf, flirtet mit
dem zwielichtigen Sohn der Nachbarin. Ihre Persönlichkeit ist zu
verschüttet, als dass sie die Initiative ergreifen und aus dem
deprimierenden Trott ausbrechen könnte. Der zweite Teil des Romans
führt in Pippas Jugend: als Teenager verführte sie einen Lehrer,
floh dann vor ihrer diätpillensüchtigen Mutter nach New York,
wo sie bei ihrer lesbischen Tante Unterschlupf fand. Doch der Aufbruch
von zu Hause bleibt die einzige Aktivität, alles Weitere passiert
Pippa irgendwie: sie gerät in eine Sado-Maso-Szene, nimmt Drogen.
Ständig am speedbedingten Abgrund lernt sie schließlich den
viel älteren Verleger kennen und findet Ruhe in Ehe und Mutterschaft.
So wird es dargestellt. Dass da die ganze Zeit etwas nicht stimmt, bleibt
ein vages Gefühl. Der Exkurs in die Jugend erklärt Pippas
Gemütslage auch nicht. Die Figur Pippa bleibt nicht greifbar. Am
Ende steht wieder ein Aufbruch, aber das Leben passiert ihr. Die „Suche
nach dem richtigen Leben“, die der Klappentext verspricht, bleibt
undeutlich. Bleibt nur das Schicksal?
ESt
Rebecca
Miller: Pippa Lee. Roman. Übersetzt von Reinhild Böhnke.
368 Seiten, S. Fischer, Frankfurt/M. 2008
EUR 20,50

Verwandlungen
Barbara Neuwirth lockt mit ihrem neuesten Erzählband mit teils
neuen, teils bereits publizierten, aber bearbeiteten Texten ins „Land
zwischen Thaya und Donau“ – mit eindeutigem Schwerpunkt
auf Thayatal und Retzer Land. Die Liebe und Verbundenheit zu diesem
Stückchen Erde spricht aus den meisten Geschichten, sei es in der
Heimkehr, im Aufbruch oder auch nur auf der Durchreise. Fernab jeder
Tourismuswerberomantik verführen die Schilderungen und ich würde
mich am liebsten sofort auf den Weg machen, um dort weiter zu lesen,
wo diese Erzählungen verortet sind. Um mich noch besser hineindenken
zu können und vielleicht teilzuhaben an diesen Verwandlungen und
Metamorphosen, die da vor sich gehen. Gleich in der ersten Erzählung
„Ein Geschenk für die Schwestern an der Quelle“ blitzen
sie hervor, diese Wasserwesen, die einen Moment lang an Sophie Silber
und Amaryllis Sternwieser denken lassen, um dann auch schon wieder davon
zu schwimmen. Großartig die Verwandlungen der Protagonistin in
„Kleine Metamorphosen“. Historisches berührt Gegenwärtiges,
Realistisches Phantastisches. Es werden Lebensgeschichten erzählt,
die gleichzeitig ein Fenster in eine Vorzeit öffnen („Das
frühe Volk“). Lebensgeschichten, die sich im Wasser der Thaya
spiegeln („Über die Thaya“), das Leben ist im Fluss,
die Zeit nicht linear, sondern läuft manchmal parallel, kreuzt
sich, verdichtet sich. Große Empfehlung!
ESt
Barbara
Neuwirth: Das steinerne Schiff. Erzählungen aus dem Land
zwischen Donau und Thaya. 243 Seiten, Literaturedition Niederösterreich,
St. Pölten 2008
EUR 19,–

Antiprekär
Prekär lebt der Protagonist in Kreuzungen sicher nicht. Vielmehr
macht Max sich Sorgen, wie sein Geld zu lenken ist, damit sein Reichtum
wächst, denn die Millionen auf der Bank in Luxemburg reichen nicht.
Außerdem ist das alles viel zu bürgerlich und feudal. Zu
den Allerreichsten muss einer gehören. Dann nämlich ist alles
schön und elegant und das Geld direkt in der Seele. Dann ist das
Leben. Vorher muss er aber noch durch die Scheidung von Lilli –
möglichst kostengünstig. Sie, Lilli, hätte nur anders
sein müssen, dann hätte sie es gut haben können mit ihm,
dann hätte die Scheidung nicht sein müssen. Und die Kinder,
die sind schon viel zu erwachsen, um seiner Welt gerecht zu werden.
Und mit dem neuen Gesicht, mit den neuen Zähnen. Da kann das neue
Leben beginnen, und er anfangen, sich die Welt verfügbar zu machen.
Auch im Privaten: Eine neue – standesgemäße –
Frau lässt sich mit Hilfe einer noblen Heiratsagentur und Geld
schnell finden. In Max’ Leben dreht sich zwar alles um Geld und
Sex. Aber Ausbrüche nach Venedig sind möglich. Und als er
erkennt, dass er von der Heiratsvermittlerin und der Vermittelten hintergangen
wird, beschließt er, als Künstler zu leben. Sehr gut. Aber
was erwartet eine von einem Streeruwitz- Roman schon anderes. Und der
vollständige Satz ist wie immer eine Lüge.
Jenny Unger
Marlene Streeruwitz: Kreuzungen. Roman. 251 Seiten, S. Fischer,
Frankfurt/M. 2008
EUR 19,50

Kleine Welt
Wie klein eine große anonyme Supermarktwelt sein kann. Da sind
Luise, Doris, Mo, Erich, Oskar, Horst mit Hut, Anton, Anna K., der Lehrling,
die Marktleiterin, der LKW-Fahrer. Andere natürlich auch noch.
Sie haben nichts miteinander zu tun. Sie kaufen kalorienbewusst ein,
machen schnell letzte Besorgungen, lenken sich ab, arbeiten. Nichts
verbindet sie. Aber in der Stunde von 16:30 bis 17:30 stellt sich heraus,
wie eng ihre Leben miteinander verknüpft sind, und dass das, was
eineR von ihnen tut, Auswirkungen auf das Leben der anderen hat. Es
ist so verblüffend und wunderbar zu bemerken, wie alles zusammenläuft,
und wie das unwichtigste und entfernteste Ereignis Bedeutung bekommt.
Und wie es dann wieder in den Kopf, in den Sinn kommt und wie eine sich
dann freut. Und was für eine Freude es überhaupt ist, das
Buch zu lesen. Am besten gleich von Anfang bis Ende ohne loszulassen!
.
Jenny Unger
Olga Flor: Kollateralschaden. 207 Seiten, Zsolnay Verlag,
Wien 2008
EUR 18,40

Schön
und rau
Abel Bovenlander lebt alleine in den Bergen, er hat seine wissenschaftliche
Karriere an den Nagel gehängt, liebt seine Freiheit und das Abenteuer.
Ab und an führt er eine Gruppe von Geologie-StudentInnen durch
die unwirtliche Landschaft. Auf Frauen lässt er sich nicht ein.
Er erinnert sich an seine Begegnungen mit Frauen höchstens als
„Polaroidschnappschuss“, den er „ohne nachzudenken
in der Datenbank sexueller Eroberungen“ ablegt. Bis er Xenia trifft.
Sie kann ihm nahe kommen, weil sie sich ihm immer wieder entzieht, und
zum ersten Mal lässt Woods, wie er in den Bergen genannt wird,
eine Frau in sein Leben. Nach einem Lawinenunglück, das sie beide
wundersamer Weise überleben, verlieren sie einander. Erst Jahre
später treffen sie sich in Amsterdam wieder. Woods erfährt,
dass er einen Sohn hat, und Xenia und er lassen sich noch einmal aufeinander
ein. Ein Buch über Sehnsucht und die Kraft der Natur, über
die Angst vor der Liebe und die Freiheit, sich darauf einzulassen. Raskers
Sprache ist schön und rau wie eine Berglandschaft.
vab
Maya
Rasker: Wenn du eine Landschaft wärst. Roman. Übersetzt
von Helga von Beuningen. 283 Seiten, Luchterhand, München 2008
EUR 20,60

Töltött
Paprika
– gefüllter Paprika – ist eine der Speisen, die ich
mir von meinen Ungarnbesuchen gemerkt habe. Die Heldin aus Lysann Hellers
Roman, neu in Budapest, ohne Ungarisch-Kenntnisse, verfährt ähnlich:
ein Wort, eine Speise, ein Geruch wird zum anderen gefügt, und
mit Glück entsteht so ein Bild von Budapest, von Ungarn; mit Pech
entsteht so nur eine Anhäufung von Klischees. Und zwischen beiden
Polen laviert dieses Buch. Die Autorin erzählt munter über
das Leben als Praktikantin, als „Paprikantin“ bei der „Budapester
Zeitung“, über die Tücken des Ungarisch-Lernens, über
die Gefahren des Radfahrens, die Vorrangstellung der Familie und und
und... und je nach Entspanntheit der Leserin und der zeitlichen Nähe
des nächsten Ungarn-Urlaubs kommt das gut oder ärgerlich,
fühlt sich diese befremdet durch all die Geschichten über
„den Ungarn“, „den Schweizer“ oder „den
Ösi“. Ich habe immer ein bisschen auf den frauenspezifischen
Dreh, die feministische Anekdote gewartet – die kommt nicht, aber
als Begleitlektüre für das nächste Wochenende in Budapest
ist das Büchlein sicher nett!.
HW
Lysann Heller: Die Paprikantin. Ungarn für Anfänger.
237 Seiten, Ullstein, Berlin 2008
EUR 8,30

Geheimnisse
und Heucheleien
Kinder, die Eltern Dinge erzählen, die diese lieber gar nicht gewusst
hätten, PartnerInnen, die plötzlich so ganz anders sind, als
sie schienen, Jugendliche, die immer genau das Gegenteil tun, Menschen,
die ihr Ziel erreichen werden, egal was es koste. Über all das
und noch viel mehr erzählt Berta Marsé in ihren ganz eigenartigen
Kurzgeschichten. Mit schonungsloser Offenheit stellt sie die Heuchelei
der Menschen im Umgang miteinander in den Mittelpunkt, sie schwächt
nicht ab und sie beschönigt nichts und trotzdem bleibt sie immer
humorvoll. Mit unerwarteten Wendungen und offenen Enden weiß sie
zu verwirren. Aber gerade durch diese Andersheit macht sie neugierig
auf jede weitere Geschichte, jeden weiteren Charakter, den die Leserin
kennen lernen wird. Diese Erzählungen sind es wert gelesen zu werden,
immer und immer wieder.
Paula Bolyos
Berta
Marsé: Der Tag, an dem Gabriel Nin den Hund seiner Tochter im
Swimmingpool ertränken wollte. Kurzprosa. Übersetzt
von Angelica Ammar. 171 Seiten, Klaus Wagenbach, Berlin 2008
EUR 18,40

Schicksalhaft
Hema und Kaushik kennen sich schon seit ihrer Kindheit, da ihre Eltern,
indische ImmigrantInnen in Massachusetts, miteinander befreundet sind.
Hema himmelt den älteren Kaushik an, doch der ist mit seinem eigenen
Leben, den Umzügen mit seinen Eltern, dem Krebstod seiner Mutter,
der neuen Frau seines Vaters beschäftigt und beachtet die Jüngere
kaum. Danach verlieren sie sich aus den Augen. Fast zwanzig Jahre später
laufen sie sich zufällig in Rom über den Weg. Eine leidenschaftliche
Liebe beginnt. Je heftiger ihre Gefühle zueinander, umso drohender
scheint das Ende ihrer Beziehung zu nahen, das eigentlich von Anfang
an mitgedacht wird: Denn die Wissenschaftlerin Hema steht nach vielen
Jahren als Geliebte eines verheirateten Mannes kurz davor, eine Vernunftehe
einzugehen; und Kaushik will sein unstetes Leben als Fotojournalist
gegen einen beruflichen Neubeginn in Hongkong tauschen. Verloren, heimatlos,
sehnsüchtig, zwiespältig sind sie beide. Jhumpa Lahiri versteht
es, in scheinbar schlichter Prosa eine eigene Welt darzulegen: Das Drama
des Verlustes, des Todes und der Liebe – große Gefühle
finden in ihrer wunderbar feinen Sprache Ausdruck. In dieser faszinierenden
Erzählung schildert die in New York lebende Pulitzer-Preisträgerin
auch eindrucksvoll die bunte, kulturell vielschichtige Welt der indischen
ImmigrantInnen in den USA, gefangen zwischen indischer Tradition und
amerikanischer Freiheitsidee. Doch vor allem zieht uns die Autorin in
den Bann einer schicksalhaften „Liebesgeschichte“, die wohl
nur „einmal im Leben“ passiert – was für ein
Glücksfall!
Gudrun Magele
Jhumpa
Lahiri: Einmal im Leben. Eine Liebesgeschichte. Übersetzt
von Gertraude Krueger. 176 Seiten, Rowohlt, Reinbek 2008
EUR 17,40

Seicht
in der Therme
Die Ärztin Inga Götth erfährt, dass ihr Lebensgefährte
sie seit längerer Zeit mit einer Jüngeren betrügt. Sie
flüchtet in die nahe gelegene Therme Purggau. An diesem Tag zerstört
ein Erdrutsch den gesamten Thermenkomplex. Mit 21 anderen Gästen,
die bei der Katastrophe anwesend waren, findet sich Inga in einer Art
Zwischenwelt wieder, aus der es kein Entkommen gibt und sich alle Tage
von vorne und immer wieder gleich wiederholen. Was tun? Die anwesenden
FitnesstrainerInnen und Anti-Aging-SpezialistInnen empfehlen: Sport
und gesunde Ernährung, nur so könne man bald nach Hause zurückkehren.
Also trainiert die Gruppe hart, walkt Nordic und isst vegetarisch, doch
nichts ändert sich. Als ein Ernährungswissenschaftler ausspricht,
dass sie wohl alle tot seien und gesunde Ernährung und Fitness
erwiesenermaßen keine Erfolge zeigten, schlägt ihm blanker
Hass entgegen. Nur Inga fühlt, dass er mehr verstanden hat als
alle anderen. Dieser Roman beschreibt sehr detailgetreu die Provinzialität
der Therme und ihre zumeist über 40- jährigen und oftmals
dickleibigen „BewohnerInnen“. Wir treffen die Prototypen
eines hirnlosen Bodybuilders, eines rauchenden Hausmeisters mit zu hohen
Cholesterinwerten, eines herrschsüchtigen Arztes sowie mehrerer
klischeehafter Damen mit diversen nervösen Schönheitsleiden.
Das Buch empfiehlt sich als leichte, seichte Lektüre für alle,
die bereits Erfahrungen mit Abnehm-, Fitness- und Schönheitskuren
gemacht haben.
Alice Ludvig
Britta Mühlbauer: Lebenslänglich. Roman. 416 Seiten,
Deuticke, Wien 2008
EUR 22,10

Mythen,
Sagen, Fantasy
In schwelgender Sprache, vollmundig strotzend vor Adjektiven geht es
um die Zerschlagung der Herrschaft der Sonne und Reinstallation von
weiblichen Göttinnen samt weiblichem Dreigestirn. Wenige weise
Frauen, einige furchtsame Mädchen und pro forma ein paar starke
Kämpferinnen kommen in der voll aus dem Fundus der (europäischen!)
Mythen und Sagen geschöpften und gerührten, martialischen
Geschichte vor. Hauptsächlich agieren jedoch Männer –
und immer wieder als besonders schön geschilderte Männer.
Beeindruckend, wie rasant die über weite Strecken leider recht
humorlose Erzählung die Äonen durchpflügt. Das Verstehen
der komplizierten Namen und Zusammenhänge ist nicht einfach, aber
es gibt ja genug Seiten um sich einzulesen. Nach dem ersten Drittel
tauchen Einzelschicksale auf, deren Entwicklung leichter zu folgen ist
als der der Welten. Doch vor lauter mystischer Verbrämung bleiben
die ProtagonistInnen ziemlich farblos. Gegen Ende wird es zwar unterhaltsamer,
aber durch die epische Breite nicht wirklich mitreißender. Eigentlich
werden fast ohne Unterlass gar schreckliche Gefahren geschildert, zum
Fürchten sind sie trotzdem nicht. Und es geht gar nicht so sehr
um Drachen, wie der Titel des Buches erwarten ließe. Schade. Im
Finale erfolgt noch ein sprachlich ermüdendes „Aufwaschen“
sämtlicher Handlungsstränge – und, da es kein Märchen
ist sondern Fantasy, verspricht das Ende: Sie lebten nicht glücklich
bis ans Ende ihrer Tage.
prosa
Julia Conrad: Die Drachen. 412 Seiten, 4. Auflage, Piper, München/Zürich
2007
EUR 10,30

Geschichten,
die das Leben schreibt
„Der Zufall wohnt hier nicht, er ist nur manchmal zu Besuch hier,
wenn er was erleben will.“ Das ist die Sprache, in der Karina
Roth ihre Erzählungen schreibt. Einfallsreich, humorvoll und melancholisch
zugleich beschreibt sie das Leben. Sie schreibt von der Schwierigkeit
der Kommunikation, dem Altwerden und dem, was die Umgebung daraus macht,
dem Vergehen und Erwachen von Liebe, und der unverstandenen Angst von
Kindern. Sie beschreibt ganz unterschiedliche Menschen und Charaktere
und scheint in jedem schon einmal gewohnt zu haben. Die Geschichten
von Karina Roth bewirken den Wunsch nach mehr. Mehr verrauchte Internetcafes,
dröhnende Clubs, im Fluss versenkte Liebesbriefe von ihr an eine
andere… mehr Beklemmungen und mehr gerettet werden. Es könnte
einfach immer so weiter gehen, wie das Leben halt.
Paula Bolyos
Karina Roth: Moskau hat meine Ohren gestohlen. Erzählungen.
211 Seiten, denk-mal-zeichen-verlag, Mönchengladbach 2007
EUR 16,40

Was
bleibt nach der Liebe?
Was bleibt nach Trennungen, wenn die Liebe vorbei ist, sich verläuft,
die geliebte Person verstorben ist, nichts mehr gewollt wird, nichts
mehr möglich ist? Die Erinnerung, ein Gefängnis, ein vielgestaltiger
Haufen, Bücher und Platten, vertrocknete Rosen und Bilder. Und
der Alltag, der nicht mehr so ist wie er war, vertraut und vorhersehbar,
sondern in dem die gewohnten Abläufe ins Stocken geraten, Brüche
und Irritationen den Weg bestimmen, Dinge wie Minen explodieren können
und einiges neu erfunden werden muss. In elf kurzen Geschichten erzählt
Brigitte Giraud vom Ende der Liebe und dem Ausklingen von Beziehungen.
Aus unterschiedlichen Perspektiven nähert sie sich dem Thema, die
Erfahrungen von Kindern kommen ebenso vor wie jene von Erwachsenen,
Verlassene und Verlassende sprechen, das Loslassen wie das Nicht-Wahrhaben-Wollen
werden geschildert. In einer klaren und präzisen Sprache, die Raum
lässt für Gedanken und Bilder, schildert Giraud kleine Trennungsepisoden.
Am Ende der Geschichten bleibt die Traurigkeit, die Leere, die Angst
vor der Veränderung – der Bruch der Trennung wird nicht weggeschrieben,
sondern bleibt bestehen.
Heidi Niederkofler
Brigitte
Giraud: Die Liebe ist doch sehr überschätzt. Übersetzt
von Anne Braun. 92 Seiten, S. Fischer, Frankfurt/M. 2008 EUR 14,40

Freundinnen
Eines Tages entscheidet Eleanor, dass sie – nur weil sie jetzt
pensioniert ist – nicht immer alleine in ihrer Wohnung sitzen
möchte und lädt spontan zwei junge Frauen mit Kindern ein,
die sie des Öfteren an ihrem Haus vorbeigehen sieht und die einen
recht frustrierten Eindruck auf sie machen. Nach anfänglichen Schüchternheiten
entwickeln sich Freundinnenschaften, der Kreis erweitert sich, ganz
unterschiedliche Frauen in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen
kommen zusammen und treffen sich mehr oder weniger regelmäßig
– immer freitagabends. Zu der bereits erwähnten Eleanor,
den Alleinerzieherinnen Paula und Lindsay stoßen die ausgeflippte,
obdachlose Jules, die Unternehmerin Blaise und deren, aufgrund von Familienpflichten
und des über schnöden Mammon erhabenen Künstlerehemannes
weniger unternehmungslustige Partnerin Karen. Soweit so gut. Doch dann
tritt ein Mann in Paulas Leben und alles wird anders. Den Grund dafür
bleibt die Autorin den Leserinnen leider schuldig. Es ist nicht nachvollziehbar,
warum ein Mann, nur weil er scheinbar halbwegs ordentlich aussieht und
ganz sympathisch ist, eine Gruppe von Freundinnen, die sich seit sechs
Jahren regelmäßig trifft, beinahe sprengen kann. Viele Ideen,
die Trollope in ihrem Roman aufwirft, bleiben unfertig und die Geschichte
dadurch hohl. Ein Pluspunkt des Buches ist sicher das Einfühlungsvermögen
der Autorin in die Gedankenwelt der Kinder, die mit Schwierigkeiten
oder Umstellungen im Leben so ganz anders umgehen, als Erwachsene sich
dies manchmal wünschen würden. Insgesamt ist das Buch als
nette Unterhaltung zu empfehlen, mehr ist es jedoch bestimmt nicht.
Paula Bolyos
Joanna
Trollope: Immer freitagabends. Roman. Übersetzt von Angelika
Kaps. 350 Seiten, Bloomsbury Berlin, Berlin 2008
EUR 20,50

Kitschig
und überhaupt nicht seicht
Pferderennen und Lords, Lady Di und Damen in Hüten und hauchzarten
satingefütterten Kleidern – so kitschig das klingen mag,
die Geschichte ist alles andere als seicht. Eine 17-Jährige reist
gemeinsam mit ihrem Vater, den sie bis dahin kaum kannte, für einen
Sommer in die englische Upperclass der 1980er Jahre, in der Toskana.
Wie Dustin Hofman in der Reifeprüfung treibt die Heranwachsende
zuweilen im Pool, jedoch wird dieses Bild der Weltflucht von anderen
Wasserszenen kontrastiert: offene Gewässer und Badezimmer, die
Suche nach dem Vater, das eigene Begehren, die Reinigung von Gewalt.
Vieles geschieht scheinbar zum ersten oder zum letzten Mal und so erfahren
die eigentlich ordentlich der Reihe nach erzählten Ereignisse eine
indirekte Beschleunigung, deren Tempo nicht alle Stränge der Geschichte
standhalten. In Rückblenden werden die aktuellen Erlebnisse mit
Laras bisherigem Leben mit ihrer Mutter verknüpft. „Ich war
noch nie verliebt“, sagt Laras Vater und gewinnt damit ein Spiel
„der jungen Leute“, bei dem es gilt etwas von sich preiszugeben,
dem möglichst keinE andereR beipflichten kann. So unzeitgemäß
wie diese Information für die Heldin sein muss, wäre auch
die Vorstellung, in einem Sommer durch einen Akt oder mehrere erwachsen
werden zu können. Stattdessen erfahren wir von den Figuren gerade
soviel, dass wir verstehen können, wie fremd sie jeweils in ihrem
Leben stehen. Es ist gewissermaßen die Entdeckung der Einzelheit,
die weder zynisch verbrämt noch tragisch verklärt, sondern
lebendig und widersprüchlich und daher ungeheuer spannend geschildert
wird. Diese Spannung der Begegnung mit anderen, auch ihre Beobachtung,
ist getragen von teilnehmender Neugierde, die nicht der Logik von Rätsel
und Lösung, Unschuld und Wissen folgt. Darum hätte ich dieser
Geschichte noch lange folgen mögen. Nicht in der Art wie man eine
Fortsetzung oder die Antwort auf offen gebliebene Fragen erwartet, sondern
eher mit dem Bedauern, einem anregenden Gespräch nicht mehr beiwohnen
zu können, einfach weil es spät ist oder kein Bus mehr fährt.
Esther Freud hat diese Geschichte fesselnd komponiert. Die Übersetzung
wirkt stilsicher und unverkrampft.
Miriam Wischer
Esther
Freud: Liebe Fällt. Übersetzt von Anke und Eberhard
Kreutzer. Roman. 287 Seiten, Bloomsbury, Berlin 2008
EUR 20,50

Scherbenpark
Der Scherbenpark ist ein Waldstück hinter dem Berliner Hochhaus,
in dem die siebzehnjährige Sascha mit ihren jüngeren Geschwistern
Alissa und Anton zusammenlebt. Scherbenpark – weil der Boden von
Glasscherben zerbrochener Flaschen übersät ist, sodass er
nur mit Schuhen an den Füßen durchquert werden kann. Ein
Symbol für das Leben Saschas und ihrer Geschwister, deren schwer
gewalttätiger (Stief-)Vater Vadim eines Tages auftaucht und vor
den Augen der Kinder die Mutter und deren neuen Partner erschießt.
Als Vadims Cousine Maria aus Russland nach Deutschland zieht, um sich
um die Kinder zu kümmern, findet zumindest die kleine Alissa Trost.
Mit dem schwer traumatisierten Anton kann Maria nur wenig anfangen und
Sascha wird zur Verantwortlichen für die Cousine ihres Stiefvaters,
die kaum ein Wort Deutsch spricht und Angst vor den alltäglichsten
Dingen hat. Erst als Sascha Volker und dessen Sohn Felix kennen lernt,
gewinnt sie etwas Abstand von der eigenen Umgebung und der ständigen
Gewalt, der sie nach der Verurteilung Vadims von anderer Seite her ausgesetzt
ist. Alina Bronsky erzählt die Geschichte dieser Familie im manchmal
pappigen, manchmal sehr melancholischen und immer wieder humorvollen
Ton einer Siebzehnjährigen und weiß zu überzeugen. An
die Gewalterfahrungen der Kinder und Jugendlichen geht sie ohne jeden
Voyeurismus und mit viel Einfühlungsvermögen heran. Dieser
Roman ist absolut lesenswert.
Paula Bolyos
Alina
Bronsky: Scherbenpark. Roman. 287 Seiten, Kiepenheuer &
Witsch, Köln
EUR 17,50

Das
Sinnliche und das Geistige
„Herzzeit“, der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg
Bachmann ist die Geschichte zweier großer Liebender. Es ist eine
verzweifelte Liebe, die nicht stillbare Sehnsucht zweier tiefgründiger,
sensibler Menschen, die sich in der Tiefe ihrer Gefühle füreinander
nicht finden können. Paul Celan und Ingeborg Bachmann lernten sich
1948 in Wien kennen. Sie war die Tochter eines österreichischen
Nationalsozialisten, er ein staatenloser Jude, dessen Eltern im Konzentrationslager
ermordet wurden. Nach nur wenigen gemeinsamen Wochen in Wien geht Celan
nach Paris. Das „Märchen“, das die beiden in Wien miteinander
erlebten, wird der Wirklichkeit nicht standhalten. 1949 schreibt Bachmann
„…ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu
mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir werden
viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden.”
1957 treffen sich die beiden auf einer Tagung wieder und die Beziehung
lebt noch einmal auf. „Du weißt auch: Du warst, als ich
Dir begegnete, beides für mich: das Sinnliche und das Geistige.
Das kann nie auseinandertreten, Ingeborg“, schreibt Paul Celan.
Celan ist mittlerweile mit Gisèle de Lestrange verheiratet und
hat einen Sohn. „Jeder Tag ist jetzt voll Nachhall. Aber Du darfst
meinetwegen jetzt Gisèle nicht versäumen“, schreibt
Bachmann. Nach der neuerlichen Trennung kämpfen beide um den Erhalt
ihrer Freundschaft. Bachmann lernt Celans Frau in Paris kennen und kurz
danach Max Frisch, mit dem sie die nächsten Jahre eine Liebesbeziehung
führen wird. Trotz zahlreicher Missverständnisse, Verletzungen
und Brüche in der Freundschaft bleiben Celan und Bachmann Zeit
ihres Lebens miteinander verbunden. „Mein Leben ist zu Ende, denn
er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken“, sagt das Traum-Ich
vom Fremden in Bachmanns Roman „Malina“. „Er war mein
Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben“.
vab
Herzzeit.
Ingeborg Bachmann – Paul Celan: Der Briefwechsel. Hg. von Bertrand
Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann.
401 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2008
EUR 25,50

Widersprüche
Jana ist elf und lebt in der Tschechoslowakei der 1960er Jahre. Sie
ist überzeugt von der sozialistischen Idee, aber sie weiß,
dass sie das zu Hause besser nicht sagt. Denn es gibt die Schulsprache
und die Sprache, die zu Hause gesprochen wird. Als Janas Mutter verhaftet
wird, ist Jana traurig, doch es hat auch etwas Gutes, wenn Mama im Gefängnis
ist: sie wird davor bewahrt, das Heimatland zu verraten. Irena BreÏná
gelingt es, die Zerrissenheit des Kindes zwischen dem, was sie von ihren
Eltern und Großeltern weiß und hört und dem, was sie
in der Schule lernt, authentisch darzustellen. Und Janas Zerrissenheit
geht tiefer, sie ist eingebunden in die Konflikte der Eltern und wird
immer wieder gezwungen Stellung zu beziehen. Trotzdem ist dieses Buch
kein trauriges. Ein wenig altklug und unglaublich humorvoll beschreibt
Jana ihre „beste aller Welten: Unsere Soldaten tragen […]
grüne Uniformen, denn sie kämpfen im Grünen. Wenn der
Feind sie von weitem beobachtet, meint er, wir hätten bloß
viel Grünzeug und keine Armee, da gähnt er und schießt
sie nicht ab. So klug hat es unser Staat eingerichtet.“
Paula Bolyos
Irena
Brená: Die beste aller Welten.
Roman. 164 Seiten, Edition Ebersbach, Berlin 2008
EUR 18,50

Meine Meinung
© Verein Freundinnen der
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