| Auto/Biographien
„Es ist nicht
leicht, ein Mensch zu sein!“
Die 77-jährige deutsche Soziologin Maria Mies hat eine Autobiographie
vorgelegt. Sie beschreibt ihren Werdegang und ein gutes Stück feministische,
ökologische und entwicklungspolitische Zeitgeschichte. Maria Mies
war für uns Ethnologiestudentinnen in den 1980er Jahren eine lebhaft
diskutierte Wissenschafterin. Ihre „Methodischen Postulate einer
engagierten Frauenforschung“ schienen uns richtungsweisend, ihre
Forderung nach dem „subjektiven Faktor“ der Forschenden
machte Wissenschaft erst spannend, ihr Bestehen auf der Gleichzeitigkeit
von Theorie und Praxis schien uns – die wir ebenso politisch engagiert
waren – nur logisch. Sie zählte zu den drei Bielefelderinnen
(neben Claudia v. Werlhof und Veronika Bennholdt-Thomsen), die den Subsistenzansatz
in den Wissenschaftsdiskurs einbrachten. Ihre Hypothese lautete: die
lohnlose Hausarbeit, die Arbeit der Kolonien und der Natur gehören
zur Subsistenzproduktion und werden für die Kapitalakkumulation
ausgebeutet. Sie wurde als eines von zwölf Kindern in der Eifel,
im Dorf Auel, in einem Bauernhof geboren. Nichts Foto: S. Fischer Verlag
Auto-/Biografien 9 deutete darauf hin, dass sie aus diesem Dorf hinaus
und in die weite Welt hinein treten würde. Sie nennt es glückliche
Umstände, die ihr Gymnasium und Studium ermöglichten, die
sie nach Indien führten und zurück nach Köln brachten.
Sie war Lehrerin, Wissenschafterin und politische Aktivistin. Sie engagierte
sich in der Frauen-, Ökologieund Friedensbewegung und seit den
späten 90er Jahren ist sie in der Antiglobalisierungsbewegung aktiv.
Maria Mies macht ihre persönliche Entwicklung nachvollziehbar und
verbindet sie mit der Entwicklung sozialer Bewegungen ihrer Zeit. Sie
prägte als Person Bewegungen, in denen sie sich engagierte und
umgekehrt beeinflussten diese ihr Denken. Ein gut lesbares, interessantes,
Einsichten, Zusammenhänge und Erinnerungen bescherendes Buch.
Gundi Dick
Maria
Mies: Das Dorf und die Welt. Lebensgeschichten
– Zeitgeschichten. 307 Seiten, Papyrossa, Köln 2008
EUR 20,50

Missglückte Spurensuche
Bücher, die sich mit Ulrike Meinhof in der RAF beschäftigen,
gibt es zahlreiche, aber wenige versuchen auch die Vorgeschichte, ihr
Privat- und Arbeitsleben zu klären, um daraus ihren Weg in die
Illegalität und ihre Militanz gegen den westdeutschen Staat abzuleiten.
Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl hat ein privates Buch geschrieben,
welches über weite Strecken als persönliche Abrechnung mit
einer Verstorbenen zu begreifen ist, die wahrscheinlich redlicher in
einer bezahlten Psychoanalyse hätte aufgearbeitet werden können.
Ein fragwürdiges Buch, weil zwar ein vorwurfsvoller Blick auf ein
persönliches Verhältnis zulässig ist, aber daneben nicht
alles ausgespart werden darf, was Ulrike Meinhof als Identitätsfigur
der Linken in einer Aufbruchphase darstellt. Beispielsweise wird zwar
Ulrike Meinhof „autoritäres Gehabe“ als Chefredakteurin
der „Konkret“ zugeschrieben, aber ihre sozialen und antifaschistischen
Inhalte als kritische Journalistin werden ausgeblendet. Ihr Weg wird
nicht greifbarer, nachvollziehbarer, und das ist schade. Lesenswert
ist das Buch als Versuch einer Zeitgeschichte, um den Perspektivenwechsel
aufzunehmen, und kritisch Zeile für Zeile gegen den Strich zu bürsten,
um am Ende festzustellen: Es war doch alles viel komplizierter, aber
es hat auch Spaß gemacht.
Antonia Laudon
Bettina
Röhl: So macht Kommunismus Spaß! Ulrike
Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret. 677 Seiten, 3.
Auflage, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2007
EUR 30,70

Klüger im Gespräch
Im März 2000 hat die Redakteurin Renata Schmidtkunz mit der Germanistin
Ruth Klüger für die Ö1-Sendereihe „Im Gespräch”
ein Interview geführt, das nun im Mandelbaum-Verlag zum Nachlesen
herausgegeben wurde. Klüger erzählt darin von ihrem ambivalenten
Verhältnis zu Wien, ihrer Abneigung gegen Holocaust-Gedenkstätten
und ihre Liebe zur Literatur sowie ihrem Naheverhältnis zur Frauenbewegung.
In Renata Schmidtkunz hat Klüger eine einfühlsame und verständnisvolle
Interviewpartnerin gefunden, die kein einziges Mal den Abwehrreflex
erkennen lässt, wenn die jüdische KZ-Überlebende pauschal
urteilt, und nicht relativierend eingreift, wenn es um die vergebene
Möglichkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit geht. Und so ist
der dünne Band auch nicht Zeugnis von der Lust an Intimitäten,
die Gespräche mit Autorinnen oft mit sich bringen, sondern dokumentieren
ein Interview, in dem sich zwei unterschiedliche Frauen mit unvergleichbaren
Biographien sehr aufmerksam zuhören und einander im Frage- und
Antwortspiel großen Respekt zollen.
Jana Sommeregger
Renata
Schmidtkunz: Im Gespräch – Ruth Klüger. 64
Seiten, Mandelbaum Verlag, Wien 2008
EUR 15,–

Weiter Unterwegs
Was soll eine schon schreiben über ein Buch auf das sie sich gefreut
hat, über ein Buch von dem sie erwartet hat, dass es gut sein wird:
es ist gut! Ruth Klüger hat nunmal „Verstand, Witz, Trotz
und Mut“, und das steckt dann nunmal in ihren Büchern und
macht sie zu guten. In „unterwegs verloren“ begegnen wir
dieser Frau und ihrem Leben nach (dem) „weiter leben“. Aufrichtig,
gefühlsgenau und schonungslos erzählt sie vom Altern, von
Abschieden, von der Neuen Welt und der Wiederbegegnung mit der Alten
Welt. Es tut gut, dass endlich zu lesen, was eine sich denkt.
Jenny Unger
Ruth Klüger: unterwegs verloren. Erinnerungen.
238 Seiten, Zsolnay Verlag, Wien 2008
EUR 20,50

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