Christa Reinig
1926-2008

am 30.9.2008 verstarb Christa Reinig. Ein Nachruf von Susanne Hochreither

„Die Ameisenstraße verläuft unter der Bank. Ich stelle den Fuß hinein, und sogleich teilen sich die Wege.“ Diese ersten Zeilen der Miniatur Über Ameisen verraten noch nicht, dass es ums Mensch-Sein geht. Später heißt es im Text: „Wir können unsere Fehler nicht abstellen, aber wir können sie einsehen. Welche Ameise kann das?“ Ehe es sich eine versieht, ist die „Konklusion“ schon wieder eine Frage und es bleibt ein Staunen angesichts der federleichten Verve, mit der uns Christa Reinig vor den Kopf schlägt. Nicht auf, das wäre zu brutal. Sie stößt auch nicht, das wäre zu unhöflich. Diese Zeilen stammen aus dem Buch Das Gelbe vom Himmel, das 2006 erschienen ist. Es sollte ihr letztes sein. Zu ihrem 80. Geburtstag hat sie uns ein Geschenk gemacht. Wenn wir bloß besser verstünden, wer da nicht mehr unter uns ist. 1926 kommt sie in Berlin zur Welt. Nach einer Blumenbinderlehre studiert sie über den zweiten Bildungsweg Kunstgeschichte und christliche Archäologie. Mit dem Schreiben hatte sie schon früher begonnen. 1951 wurde zum ersten Mal einer ihrer Texte veröffentlicht: die Erzählung Ein Fischerdorf. Ihre Begabung wurde rasch erkannt. Rasch war den Zuständigen auch klar, dass Reinig nicht zum Konformismus taugt. Seither konnte sie im Arbeiter- und Bauernstaat nicht mehr publizieren. Was sich so lapidar schreibt war tatsächlich auch in der frühen DDR keine geringe Bedrohung. 1964 erhielt sie den Bremer Literaturpreis für den Band Gedichte. Sie ging in den Westen und blieb. Für feministische Leserinnen beginnt nun, im Zusammenhang der neuen Frauenbewegung Ende der 60er Jahre, das „eigentliche“ Schreiben der Christa Reinig, deren Werk bis heute nur geteilt und in Teilen wahrgenommen wird – früh, feministisch, spät. „Anfang der 70er Jahre bekam ich einen emotionalen Aufriß, um es so zu nennen.“ Reinigs öffentliche Kritik 1974 an der lesbenfeindlichen Berichterstattung über den Ihns/Andersen-Prozess war ihr Coming- out. Wenig später erschien ihr Roman Entmannung. Die Geschichte über „Otto und seine vier Frauen“ wurde kontrovers diskutiert und ist auch innerhalb der Frauenbewegung auf Kritik gestoßen. Die Satire, Ironie und tiefere Bedeutung ihres Werks, das „Sprüche“, Gedichte, Erzählungen, Hörspiele, Romane umfasst, wurden oft missverstanden. Ihre Grotesken sind, wie Ursula Kubes-Hofmann deutlich macht, „die Ent-zerrung und die Demaskierung von Alltäglichem [und] ideologiegesättigtem Anstand“. Was so schlecht ausgehalten wurde und wird: Christa Reinig meinte es ernst mit ihrer Kritik und sie ließ sich nicht vereinnahmen. Sie pflegte ihre eigenständige Denkfähigkeit. Mitgemacht hätte sie trotzdem gern mehr, auch wenn sie Ende der 80er zu den Älteren in den Frauen- und Literaturzirkeln gehörte. Ein schwerer Unfall und seine Folgen machten es ihr körperlich unmöglich. Christa Reinig hat viele wunderbare Bücher geschrieben. Was uns zu tun bleibt, ist, diese zu lesen und damit nicht aufzuhören.

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Der Traum meiner Verkommenheit, Berlin 1961 Gedichte, Frankfurt am Main 1963
Drei Schiffe. Erzählung, Frankfurt am Main 1965
Orion trat aus dem Haus, Stierstadt im Taunus 1968
Schwabinger Marterln [Grabsprüche], Stierstadt im Taunus 1968
Das Aquarium, Stuttgart 1969
Schwalbe von Olevano. Neue Gedichte, Stierstadt im Taunus 1969
Das große Bechterew-Tantra, Stierstadt im Taunus 1970
Papantscha-Vielerlei, Stierstadt im Taunus 1971
Die Ballade vom blutigen Bomme, Düsseldorf 1972 (zusammen mit Christoph Meckel)
Hantipanti, Weinheim 1972
Die himmlische und die irdische Geometrie, Düsseldorf 1975
Entmannung, Düsseldorf 1976
Der Hund mit dem Schlüssel, Düsseldorf 1976 (zusammen mit Gerhard Grimm)
Mein Herz ist eine gelbe Blume, Düsseldorf 1978 (zusammen mit Ekkehart Rudolph)
Müßiggang ist aller Liebe Anfang, Düsseldorf 1979
Die Prüfung des Lächlers, München 1980
Der Wolf und die Witwen, Düsseldorf 1980
Mädchen ohne Uniform, Düsseldorf 1981
Die ewige Schule, München 1982
Die Frau im Brunnen, München 1984
Sämtliche Gedichte, Düsseldorf 1984
Feuergefährlich, Berlin 1985
Erkennen, was die Rettung ist, München 1986 (zusammen mit Marie-Luise Gansberg und Mechthild Beerlage) Gesammelte Erzählungen, Darmstadt [u.a.] 1986
Nobody und andere Geschichten, Düsseldorf 1989
Glück und Glas, Düsseldorf 1991
Ein Wogenzug von wilden Schwänen, Ravensburg 1991
Der Frosch im Glas, Düsseldorf 1994
Simsalabim, Düsseldorf 1999 (zusammen mit Hans Ticha)

Hörspiele
Kleine Chronik der Osterwoche
(erstgesendet 1965)
Der Teufel, der stumm bleiben wollte (erstgesendet 1965)
Tenakeh (erstgesendet 1966)
Das Aquarium (erstgesendet 1967; Hörspielpreis der Kriegsblinden 1967)
Wisper (erstgesendet 1968)


 


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