„Akteurinnen,
nicht Anhängsel“
Wenn von 1968 in Deutschland die Rede ist, dann geht es meistens um
die „Studentenbewegung“, die „68er“ oder die
„Revolutionäre von 1968“. Dass Frauen ganz vorne
dabei waren und nicht „mit dabei“, sondern als eigenständige
Aktivistinnen mit neuen Ideen und Aktionen wird auch 40 Jahre nach
dem Höhepunkt der Bewegung gerne vergessen. Daher finden sich
auch in der Literatur ausgesprochen wenige Werke, die diese Geschichte
der Frauen nicht totschweigen. Eines dieser – darum umso wichtigeren
– Ausnahmewerke ist der vorliegende Sammelband, der eine Neuauflage
des ursprünglich im Rowohlt-Verlag erschienenen Buches darstellt.
In vierzehn Porträts wird eine Auswahl jener Frauen vorgestellt,
die die 68er- Bewegung geprägt haben. Helke Sander etwa, die
den „Aktionsrat zur Vorbereitung der Befreiung der Frauen“
und die Kinderläden mitbegründet hat. Oder Dagmar Przytulla,
die die Kommune 1 mitinitiierte und anschaulich die sexistische Haltung
beschreibt, die Frauen entgegengebracht wurde. Es ist zwar noch viel
mehr notwendig, um für die Zeit vor der zweiten Frauenbewegung
in Deutschland ein halbwegs geschlechtergerechtes Geschichtsbild zu
entwerfen, aber „die 68erinnen“ sind ein ausgesprochen
interessanter und unterhaltsamer Anfang.
Paula Bolyos
Ute Kätzel: Die 68erinnen. Porträts
einer rebellischen Frauengeneration. 319 Seiten, Ulrike Helmer, Königstein/T.
2008
EUR 25,60

Wie Perlen aufgereiht
Der Verzicht auf traditionelle Spartenbildung in dieser Publikation
über siebzehn Frauen, die im 16. und 17. Jahrhundert in Frankreich
lebten und zumindest einst berühmt waren, bezieht sich darauf,
dass Frauen auch damals oft – wie es heute heißt –
transdisziplinär agierten. Einleitende Hinweise auf Überlieferungstraditionen
und neuere Forschungsansätze, wie z.B. Frauen als Agentinnen
des Kulturtransfers, machen neugierig auf die nach dem Geburtsjahr
gereihten „Monografien en miniature“. In ihnen geht es
weniger um die Rekonstruktion der Lebensumstände als vielmehr
um eine Reihe von Leitfragen, wie z.B. nach den künstlerischen
und politischen Bedingungen für Frauen, den für sie zugänglichen
öffentlichen Räumen, den Formen der kulturellen Kommunikation,
oder ob sie sich eigene Medien geschaffen haben, sowie last but not
least: wann und warum Überlieferungstra8 Geschichte, Auto-/Biografien
ditionen abreißen. Leider machen die einzelnen wissenschaftlichen
Texte die Antworten auf diese Fragen nicht deutlich sichtbar (ebenso
fehlen Informationen zu den vielen verschiedenen Autorinnen). Es gilt
also, die interessanten Querverbindungen selbst herzustellen. Schade,
dass die Herausgeberinnen Margarete Zimmermann und Roswitha Böhm
diese Chance nicht ergriffen haben.
prosa
Bedeutende Frauen. Französische Dichterinnen,
Malerinnen, Mäzeninnen des 16. und 17. Jahrhunderts. Herausgegeben
von Margarete Zimmermann und Roswitha Böhm. 332 Seiten, Piper,
München/Zürich 2008
EUR 10,30

Geschichte neu erzählen
Im Kontext feministischer Studien waren es insbesonders die Kritiken
von afro-deutschen Theoretikerinnen und anderen „women of color“
sowie der Einfluss der Postcolonial Studies in den 1990ern, die –
mit der Dezentrierung der universalistischen Kategorie „Frau“
– Kolonialismus und Rassismus als Teil der „eigenen“
Geschichte zum Thema machten. Damit wurde auch auf die Unsichtbarmachung
der hegemonialen gesellschaftlichen Position weißer Feministinnen
hingewiesen. Anette Dietrich geht dem wechselseitigen Verhältnis
zwischen der Frauenbewegung in Deutschland Ende des 19. und Anfang
des 20. Jahrhunderts und der deutschen Kolonialpolitik nach und stellt
die spannende Frage, inwieweit sich ihre Diskurse gegenseitig beeinflussten
und aufeinander bezogen. Sie zeigt auf, dass sowohl Vertreterinnen
der bürgerlichen als auch der radikalen Frauenbewegung auf unterschiedliche
Weise am kolonialen Projekt partizipierten und sich über ihr
Engagement für das „Wohl der Nation und die Kolonien“
ermächtigende Artikulations- und Handlungsspielräume schufen:
Die Erste Frauenbewegung konstituierte sich damit also auch wesentlich
über die Kolonialfrage. Insbesonders war diese daran beteiligt,
den weißen Frauenkörper diskursiv als Symbol für Reinheit
und weiße Vorherrschaft hervorzubringen und die Debatten um
Sittlichkeit, Sexualmoral und Hygiene, die der Distinktion und Herstellung
einer weißen Überlegenheit dienten, anzuführen. Dietrich
liefert damit einen wichtigen Beitrag zur Erkenntnis über die
Verstrickung weißer Frauenbewegungen in die jüngere Herrschaftsgeschichte.
Vina Yun
Anette Dietrich: Weiße Weiblichkeiten. Konstruktionen von „Rasse“ und Geschlecht im deutschen
Kolonialismus. 428 Seiten, transcript, Bielefeld 2007
EUR 30,70

Tagebücher
Die fünfte Ausgabe der Tagebücher Virginia Woolfs ist die
letzte Sammlung ihrer Notizen aus den Jahren 1936 bis 1941. Woolf
überarbeitet „The Years“, eine für sie anstrengende
und auslaugende Arbeit, wie sie beschreibt, und sie muss sich zwingen,
nicht bereits an ihr neues Werk zu denken und die Ideen niederzuschreiben.
Neben den Notizen zur Arbeit macht sie sich Gedanken über gesellschaftliche
Ereignisse, Klatsch und Tratsch zu Bekannten, FreundInnen, Verwandten.
Und sie beschreibt den herannahenden Krieg. Er scheint etwas Irreales
zu sein, das sie noch nicht glauben kann: „All diese grimmigen
Männer kommen mir vor wie Erwachsene, die ungläubig auf
die Sandburg eines Kindes starren, das aus unerklärlichen Gründen
eine wirklich riesige Burg geworden ist.“ 1938 schließlich
erscheint „Three Guineas“, eine feministische Analyse
des Krieges und wird sehr kontrovers aufgenommen und diskutiert. An
den Beschreibungen ihrer Arbeit wird besonders deutlich, wie Virginia
Woolf fühlte, wie sich Phasen der Depression mit Phasen der Ausgeglichenheit
und guter Laune abwechseln. Auch der fünfte Band der Tagebücher
mit einer ganzen Menge informativer Anmerkungen bietet einen tiefen
und interessanten Einblick nicht nur in das Leben und Arbeiten der
Schriftstellerin Virgina Woolf, sondern auch in die Gesellschaft und
Politik der Zeit vor und während des zweiten Weltkrieges in Großbritannien.
Paula Bolyos
Virginia Woolf: Tagebücher 5. 1936-1941. Übersetzt
von Claudia Wenner. 601 Seiten, S. Fischer, Frankfurt/M. 2008 EUR
40,10
