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Grausiger
Herbst
Viele Grauslichkeiten, aber auch nette Unterhaltung
bieten die Herbstneuerscheinungen bei den Krimis. Wie immer ist bestimmt
für jede was dabei!
von
Doris Allhutter, Paula Bolyos, Verena Fabris, Rosemarie Ortner, Sabine
Prokop, Eva Steinheimer
Rose ist
jung und erfolgreich in ihrem Beruf als Headhunterin. Sie hat alles
im Griff, auch die Männer, die sie morgens verlässt, wenn
diese noch schlafen. Als sie in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um
ihren Bestseller vorzustellen, holt sie die Vergangenheit ein. Sie trifft
ihre Jugendliebe Thomas wieder und mit ihm steigen alte, schmerzliche
Erinnerungen an die Oberfläche. Kalt bis ans Herz von Jaqueline
Remy ist solide erzählt, eine spannende Wendung am Ende, sonst
eine eher banale Geschichte. Gut für eine langweilige Zugfahrt.
Jaqueline Remy: Kalt bis ans Herz. Übersetzt von Waltraud
Schwarze. 285 Seiten, Aufbau, Berlin 2008 EUR 9,20

Während Rose sich der Vergangenheit zuwendet, möchte Julia
Hamill mit der Renovierung ihres neuen Hauses im verwilderten Garten
in die Zukunft blicken und sich von ihrer anstrengenden Trennung erholen.
Doch daraus wird nichts, denn sie stößt beim Umgraben auf
eine Leiche und taucht in das Boston von 1830 ein, wo die Näherin
Rose das Kind ihrer verstorbenen Schwester durchbringen muss, Leichen
aus Gräbern verschwinden und in den Seziersälen der Bostoner
Universität landen und anscheinend ein Ritualmörder sein Unwesen
treibt. Auch wenn wir in dem neuen Roman von Tess Gerritsen Maura Isles
und Jane Rizzoli schmerzlich vermissen, ist der Königin des Medizin-
Thrillers mit Leichenraub wieder ein atemberaubendes Werk mit der altbewährten
grausigen Detailtreue gelungen, das die schreckhafte Krimiliebhaberin
wohl besser bei Tageslicht liest.
.
Tess Gerritsen: Leichenraub.
Übersetzt von Andreas Jäger. 447 Seiten, Limes, München
2008
EUR 20,60

Ebenfalls grausig wird es nach einem auffallend poetischen Anfang in
Schwarze Schmetterlinge. Zwischen grausam und grässlich geht es
weiter. Jazz und edle Drinks zur Entspannung erinnern an Åke Edwardsons
Kommissar Winter, aber Anna Janssons Ermittler ist nicht so wohl situiert.
Nach und nach gewinnt die Story Tiefe in den Personenschilderungen und
Dynamik im Wechsel zwischen verschiedenen Schauplätzen . Das Tempo
wird mitreißend und die Spannung hält bis zum Schluss. Nach
einem mühsam über parallele Handlungsstränge holpernden
Anfang kommt auch die Erzählung von Silvia Roth gut ins Fließen.
Die Geschehnisse rund um einen Amokläufer an einem deutschen Gymnasium
werden merklich spannender bis zum überraschenden Ende. Für
Freundinnen von Deborah Crombie und der tendenziell mit ihrem Schicksal
hadernden Detective Inspector Gemma James von Scotland Yard ist der
Krimi Querschläger rund um Winnie Heller und ihren mit glücklicher
Familie ausgestatteten Vorgesetzten zu empfehlen.
Anna
Jansson: Schwarze Schmetterlinge. Übersetzt von Susanne
Dahmann. 301 Seiten, Piper, München/Zürich 2008
EUR 9,20

Weniger glückliche Familie gibt es in Lebenslänglich. Zwei
Geschichten sind im ersten Teil des Buches kaum verbunden: Nina ist
Polizistin und Freundin einer in das „Hauptverbrechen“ des
Buches verwickelten Frau; Annika, die Journalistin und Heldin in Liza
Marklunds Krimireihe, ist dieses Mal mit ihrem abgebrannten Haus und
ihrer Scheidung konfrontiert. Dann tritt Annikas Schicksal in den Vordergrund,
sie kann wie üblich beim fulminanten Recherchieren bewundert werden,
Ninas Story verblasst bis zum allerletzten Kapitel samt überraschendem
Schluss. Nicht unbedingt der beste Krimi von Liza Marklund.
Liza Marklund: Lebenslänglich. Übersetzt von Dagmar
Lendt und Anne Bubenzer. 495 Seiten, Kindler, Köln 2008 EUR 20,50

Ein schön, fein und liebevoll geschriebenes Buch voll mit sehr
viel Sommer und einer romantischen Liebesgeschichte der Münchner
Hauptkommissarin Laura Gottberg mit einem Kollegen aus Siena ist Hundszeiten.
An dem ansprechenden Schauplatz werden die Beteiligten großen
Gefahren ausgesetzt. Ein nicht nur wegen der überzeugend geschilderten
unerträglichen Hitze bis zum finalen Gewitter atemberaubender Krimi.
Felicitas Mayall: Hundszeiten. Laura Gottbergs fünfter
Fall. 414 Seiten, Kindler, Reinbek 2008
EUR 20,50

Krimivergnügen
der extra Klasse gibt es wieder mit Anne Holt. Nach einem Zugunglück
werden die Passagiere in einem Berghotel untergebracht. Ein Schneesturm
tobt und bald sind die unfreiwilligen Gäste eingeschneit. Unter
ihnen befinden sich die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen und Der
Norwegische Gast. Hanne war immer schon skeptisch und zurückhaltend,
doch seit sie durch einen Schuss in den Rücken an den Rollstuhl
gefesselt ist, hat sie sich völlig zurückgezogen, lebt in
ihrer kleinen Welt mit ihrer Tochter und ihrer Frau und verlässt
kaum einmal das Haus. Als jedoch zwei Morde passieren, wird ihr Ermittlerinnengeist
langsam aber sicher geweckt. Und dann gibt es da noch jene Reisenden,
die von den anderen sorgsam abgeschottet werden – handelt es sich
um ein Mitglied der Königsfamilie? Eigenwillige, fein gezeichnete
Charaktere, ein spannender Plot, eine Ermittlerin, die sich ganz auf
ihre Intuition und ihre Intelligenz verlässt und ein überraschendes
Ende.
Anne Holt: Der norwegische Gast. Übersetzt von
Gabriele Haefs. 320 Seiten, Piper, München 2008
EUR 20,50

Etwas weiter südlich suchen Inspektorin Sandra Anders und ihre
Assistentin am schönen Attersee nach dem Mörder einer gerüchteumwobenen
Richterin. In unverkennbar oberösterreichischer Atmosphäre
inszeniert Beate Maxian in Tod mit Seeblick althergebrachte Beziehungskonventionen,
Machtspielchen im Gerichtsmilieu und einen Lebensstil, der die meisten
Menschen im Umkreis zu farblosen DienstleisterInnen werden lässt.
Schade nur, dass sich die
Inspektorin privat mit der Sorge herumschlägt, als Frau auf Mörderjagd
niemals einen Mann halten zu können.
Beate Maxian: Tod mit Seeblick. Attersee Krimi. 237
Seiten, Prolibris , Kassel 2008
EUR 12,40

Wieder zurück ins 19. Jahrhundert, aber diesmal ins Ruhrgebiet
mit Silvia Kaffke. Die Emanzipation – vor allem die der Hauptfigur
– beginnt gerade, die Industrialisierung ist bereits fortgeschritten
und spielt eine wichtige Rolle in der Story. Gewürzt mit schwarzen
Messen und einer geheimnisvollen Persönlichkeitsspaltung wird von
Ritualmorden, Kinderschändungen, auch von einer sich zart entwickelnden
Liebesgeschichte erzählt. Das rote Licht des Mondes ist informativ
und spannend.
Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes. Historischer Kriminalroman.
510 Seiten, Wunderlich, Reinbek 2008
EUR 20,50

Verschiedene
Ver- und Entliebungsgeschichten winden sich durch sehnsuchtschwangere
Seiten mit ein bisschen Krimianteil und viel sich dahin Ziehendem bei
Judith Kuckarts Verdächtiger. Träume kommen immer wieder vor,
Verschwindendes ist ein häufiges Thema. Und eine Geisterbahn. Ein
sprachlich ambitioniertes Buch, es verlangt das auch von den LeserInnen.
Das Ende ist eher beliebig. Hie und da wird erwähnt, dass der „Held“
wie George Clooney aussieht, aber das macht ihn oder die Sache auch
nicht interessanter.
Judith
Kuckart: Die Verdächtige. 286
Seiten, DuMont, Köln 2008
EUR 20,50

Mit gekonntem
Sprachwitz lässt Christine Lehmann wieder die Journalistin Lisa
Nerz ermitteln. Diesmal im Gestüt ihres Schwiegervaters im Schwabenland,
wo Jesus sich am Kreuz krümmt, während jemand Ross und Reiterin
ermordet. Die zerstrittene Familie kreist um das künftige Erbteil
und der geliebte Sportwagen findet auf verdächtig ähnliche
Weise sein Ende, wie Lisa Nerz’ Ehemann vor Jahren. Nebenbei erfahren
wir in Pferdekuss einiges über Pferde, wobei nicht nur beim Reiten,
sondern auch in Sachen (Hetero-)Sex Beherrschungslust dominantes Motiv
ist. Das Gestüt ist kein Ort romantischer Mädchenträume.
Solche jedoch finden in einem Jugendzimmer ihre lesbische Erfüllung.
In den Untiefen des Begehrens und traditionsreicher Familienneurosen
erreicht Lisa Nerz wieder Höchstform.
Christine Lehmann: Pferdekuss. 251 Seiten, Argument, Hamburg 2008
EUR 10,20

Weltpolitisch geht es diesmal bei Jenny Siler in Portugiesische Eröffnung
zu. Ein paar Liebes- und Lebensgeschichten ziehen sich durch ein Geflecht
von über Jahrzehnte verstreuten Ereignissen rund um den Bürgerkrieg
im Libanon (bzw. den Nahost- Konflikt samt US-amerikanischer Einmischung)
und so genannte Terrororganisationen. In dieser komplexen Situation
schafft selbst der historische Anhang des Krimis die Aufklärung
der diversen Positionen nicht ganz. Das schmälert jedoch die Qualität
des sehr spannenden und oft bedrückenden Buches keineswegs. Ein
Happy End gibt es nicht, viel bleibt offen, trotzdem entsteht ein (be)frei(t)es
Gefühl.
Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung. 269 Seiten, Fischer, Frankfurt/M.
2008
EUR 8,20

Wenig Happiness auch bei Petra Hammesfahrs Erinnerungen an einen Mörder:
Die LeserInnen, die sie kennen, werden von der Grausamkeit und Brutalität
ihrer Geschichte nicht überrascht sein. Neulinge seien gewarnt.
Es ist schwer, sich dem Sog der sich immer wieder neu formierenden und
arrangierenden Erinnerungen ihres „Helden“ zu entziehen.
Ein sehr spannendes, aber sicher nicht entspannendes Buch.
Petra Hammesfahr: Erinnerung an einen Mörder. 442 Seiten, Wunderlich,
Reinbek 2008 EUR 20,50


Von der Norwegerin Karin Fossum erschien heuer mit Wer anders liebt
ein neuer Fall aus der Serie mit den Kommissaren Konrad Sejer und Jacob
Skarre. Die Kriminalhandlung ist denkbar grausam: ein kleiner Junge
wurde missbraucht und getötet, ein weiterer verschwindet kurz darauf.
Die Polizei ist ratlos. Fossum verharmlost nichts, bleibt aber sprachlich
und in den Bildern, mit denen sie das Verbrechen schildert, sachlich.
Der Autorin geht es aber nie um die alleinige Aufklärung eines
Falles, sondern immer auch um das Motiv für eine Tat, die Hintergründe.
Dabei bleibt sie nie an der Oberfläche psychologischer Alltagsweisheit.
Dem Thema Pädophilie nähert sie sich in den Gesprächen
zwischen den beiden Ermittlern, die selbst auf der Suche nach Antworten
sind.
Karin
Fossum: Wer anders liebt. Übersetzt von Gabriele Haefs. 256 Seiten,
Piper, München 2008
EUR 18,50

Eine allzu perfekte, stets redliche und souveräne Anthropologin
ist Beverly Connors Heldin, die CSI ernsthafte Konkurrenz macht. Als
Leiterin eines Naturkundemuseums und des angeschlossenen kriminaltechnischen
Labors zeigt Diane Fallon in Das Gesetz der Knochen Führungs- und
Fachkompetenz sowie kriminalistischen Spürsinn, als sich die Leichen
in ihren Labors stapeln, während sie selber und ihre Familie attackiert
werden. Mehrere Höhlen-, Wasser- und archäologische Leichen
in verschiedenen Verwesungsstadien geben ihrem Team Rätsel auf,
deren Zusammenhang mit viel technischem Aufwand aufgedeckt wird. Meisterlich
spannend, hart gesotten und mit postfeministischer Selbstverständlichkeit
weiblicher Kompetenz.
Beverly Connor: Das Gesetz der Knochen. Übersetzt von Michael Bayer.
570 Seiten, Knaur, München 2008
EUR 8,20

Weniger feministisch geht’s da schon in Palermo zu: Eine reiche
Anwaltsgattin steigt in ihrem Hotel aus der Dusche und trifft auf einen
ihr unbekannten Mann, der sie von nun an sexuell missbraucht, worüber
sie ihr Missfallen zwar kundtut, aber… wie die Frauen halt so
sind, sie genießt es. Dieser „Erotik-Thriller“ kann
unerotischer also nicht sein, das macht dann die Auflösung dieses
S/M-Spiels am Schluss von Reden und Schweigen in Palermo nicht wirklich
wieder gut. Erregung im Nachhinein – leider nicht ganz durchführbar.
Und das Nachwort von Esther Vilar zum Thema „Geht der Sex zu Ende?“
ist auch nicht ganz überzeugend.
Esther Vilar: Reden und Schweigen in Palermo. 141 Seiten, Konkursbuch,
Tübingen 2008
EUR 13,30

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