Länder: Türkei

Zwiespältig...
... war mein Eindruck von diesem Porträt, das der Verlag gegenüber der Originalausgabe um die Hälfte gekürzt hat. Erwartet habe ich eine kritische Würdigung der i
n Österreich eher unbekannten Ehefrau von Mustafa Kemal Atatürk, Gründer und erster Präsident der Republik Türkei. Er wird jetzt oft in „Kopftuchdiskussionen“ genannt, sie war mir, die ich mich in der Geschichte der Türkei so gar nicht auskenne, bislang nicht bekannt. In diesem Buch erfahre ich einiges über Latife Hanims Rolle als „Frauenrechtlerin“, als „Suffragette“, als Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht und ein neues Scheidungsrecht sowie als Pionierin der Befreiung der Frauen von rigiden Bekleidungsvorschriften. Aber alles, was ich erfahre, ist in die Form eines Heldenepos gekleidet, bewusst in der männlichen Form, da sich ein großer Teil des Buches auch dem Leben, den Eigenheiten, den Wünschen von Atatürk widmet. Und eine zumindest uninspirierte Übersetzung trägt da natürlich noch zur Irritation bei. Leider hat der Orlanda Frauenverlag auf ein erklärendes Nachwort verzichtet, mehr Informationen über die Autorin, eine türkische Politikwissenschafterin, die wegen einiger Textpassagen über Atatürk in diesem Buch auf der Grundlage des bekannten Gesetzes über die „Verunglimpfung des Türkentums“ vor Gericht gestellt, aber letztlich freigesprochen wurde, wären wünschenswert gewesen. Trotzdem ist dieses Porträt lesenswert und eine Schule der kulturellen Unterschiede ganz nebenbei auch noch!
HW

Ipek Çalislar: Mrs. Atatürk – Latife Hanim. Ein Porträt. Übersetzt von Constanze Letsch. 272 Seiten, Orlanda Frauenverlag, Berlin 2008 EUR 18,40 aus Palästina. 312 Seiten, Lenos Verlag, Basel 2007
EUR 20,50

Vielfältig ...
... sind die Einsichten, die uns Zehra Ipsiroglu in diesem aktuellen Sammelband bietet. Die in Istanbul und Duisburg-Essen tätige Hochschullehrerin schreibt als Randeuropäerin, wie sie sich selbst bezeichnet, über Deutschland und die Türkei, über diese beiden Länder, in denen sie lebt und arbeitet. Ihre Essays, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind, behandeln zwei Themenkreise: Literatur und Theater – und reichen von Fragestellungen wie „Das Bild der Frau in der türkischen Literatur“ und „Türkische Frauen in Deutschland und in der Türkei – eine autobiographische Skizze“ bis zu „Möglichkeiten und Chancen des Dokumentartheaters heute“. Die von der Autorin eingefügten thematisch passenden Geschichten haben mich zwar weniger angesprochen, zeigen aber ihre Anliegen deutlich. Mich hat vor allem der „doppelte Blick als Randeuropäerin“ überzeugt, den die Autorin als „westlich orientierte Intellektuelle in der Türkei“, als in Deutschland und der Türkei lebende Literaturvermittlerin hat, und der ihr Anschreiben gegen jegliches Schubladendenken prägt, was z.B. in den beiden Beiträgen „Türkische Literatur über Migrantenkinder im Unterricht“ und „Türkeibilder in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur“ deutlich zum Ausdruck kommt. Also eine bereichernde Lektüre, um sowohl gegen gut- als auch böswillige Klischees über TürkInnen, Deutsche und ÖsterreicherInnen gefeit zu sein, zumindest ein wenig...
HW

Zehra Ipsiroglu: Eine andere Türkei. Literatur, Theater und Gesellschaft im Fokus einer Randeuropäerin. 309 Seiten, Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2008 EUR 30,80

Liebe und Tod in Istanbul
Behiye ist traurig, verzweifelt und wütend, bis sie die schöne Handan kennen lernt, die ihr das Gefühl gibt „gerettet zu sein“. Erstmals in ihrem Leben ist Behiye glücklich. Die beiden Teenager sind fasziniert voneinander, Behiye benimmt sich „als wäre sie verliebt“ und vielleicht ist sie das auch. Sie zieht zu Hause aus und bei Handan und ihrer Mutter, die sich von Männern aushalten lässt, ein. Die beiden Mädchen schmieden Zukunftspläne, wollen wie alle Teenager in keinem Fall enden wie ihre Mutter. Doch das Glück ist in Gefahr: Da gibt es Behiyes Bruder, dem sie Geld gestohlen hat und der deshalb hinter ihr her ist, dann ist da Handans Muttter, der die Beziehung der Mädchen suspekt ist und schließlich gibt es Jungs, die sich mehr für Handan interessieren als es Behiye für gut befindet. Zwischendurch passieren Morde, die scheinbar nichts mit der Geschichte zu tun haben, oder doch? Ist Behiye eine Mörderin? Eine rasante Geschichte in einem ganz eigenen Ton erzählt über die Liebe, den Tod und das Leben junger Menschen in Istanbul.
vab

Perihan Magden. Zwei Mädchen. Istanbul Story. Übersetzt von Johannes Neuner. 329 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/ M. 2008 EUR 10,20

 

Zwischen Tradition und Moderne
Der Roman beginnt damit, dass die Universitätsdozentin Aysel sich in ein Hotelzimmer zurückzieht um zu sterben. Dort denkt sie über ihr Leben nach und lässt es Revue passieren: ihre Kindheit in der anatolischen Provinz, ihr Soziologiestudium in der Hauptstadt Ankara und all die Menschen, die sie im Laufe ihres Lebens kennen gelernt hat. Der Grund, warum sie sterben will, ist ihre Liebesbeziehung zu ihrem Studenten Engin, mit dem sie ihren Ehemann betrogen hat. Anhand von Aysels Leben und anderen PratogonistInnen des Romans zeichnet Agaoglu ein anschauliches Bild der türkischen Gesellschaft in den Jahren nach der Gründung der Republik bis zu den 1960er Jahren. Aysel, eine der ersten jungen Frauen der türkischen Republik, die dank der neuen Gesetzte studieren und Karriere machen durften, steckt in einer privaten Krise. Sie kann sich zwischen den gesellschaftlichen Pflichten und ihren persönlichen Bedürfnissen und Wünschen nicht entscheiden. So stellt Agaoglu den Idealismus der Zeit nach der Gründung der türkischen Republik in Frage, der Frauen zwar im Zuge von neuer gesellschaftlichen Orientierung zumindest gesetzlich gleiche Zukunftschancen wie Männern gab, dafür aber von ihnen die Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse hinter jene der Gesellschaft verlangte und somit keinen Raum für Individualität ließ.
Hülya Tektas

Adalet Agaoglu: Sich hinlegen und sterben. Übersetzt von Ingrid Iren. 512 Seiten, Unionsverlag, Zürich 2008
EUR 23,50

Anerkennung
Barbara Frischmuth beschäftigt sich nicht nur literarisch mit der Beziehung Orient und Okzident, wie zum Beispiel in ihrem letzten Roman „Vergiss Ägypten“, sondern gilt auch als Expertin, die immer wieder eingeladen wird, ihren Beitrag zu der Debatte zu leisten. Der vorliegende Band versammelt Essays, Reden und Aufsätze, die Frischmuth in den letzten zwölf Jahren geschrieben hat, und die gleichzeitig auch einen interessanten Blick auf den Verlauf des europäischen Diskurses zum Islam eröffnen. Sie äußert sich in den Beiträgen zum Kopftuch, dessen Bedeutung für junge Musliminnen sie nachgeht, genauso wie etwa zum Beitritt der Türkei zur EU. Sie stellt keine politisch-institutionellen Fragen, sondern macht sich Gedanken über kulturelle Faktoren; dabei betont sie die Bedeutung der Literatur für ein interkulturelles Verständnis, das nicht nur Toleranz im Sinne von „Duldung“, sondern „Anerkennung“ meint. „Nicht das Aufeinandertreffen von Eigenem und Fremdem ist zu verhindern, sondern der Versuch ihrer gegenseitigen Auslöschung.“ Über die Literatur kann Kultur erfahrbar werden. Sprachlich brillant und argumentativ ausgereift teilt Frischmuth auch ihr umfassendes Wissen, sei es über Literatur oder (Kultur)Geschichte und weist darauf hin, dass ein Problem des Westens einfach mangelndes Wissen über den Orient ist. Dieses Buch ist ein erster kleiner Schritt, um das zu ändern.
ESt

Barbara Frischmuth: Vom Fremdeln und vom Eigentümeln. Essays, Reden und Aufsätze über das Erscheinungsbild des Orients. 152 Seiten, Droschl, Graz/Wien 2008
EUR 15,–

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