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Töchterliche Versöhnungen
Zahllos sind die mittlerweile am Markt erhältlichen Bücher
zur – scheinbar ausnahmslos problematischen – Mutter-Tochter-
Beziehung, denen Marianne Krüll nun ein weiteres hinzugefügt.
Entstanden ist es im Kontext von Seminaren, welche die Autorin in den
letzten Jahren leitete. Dabei wurden die Teilnehmerinnen aufgefordert,
die Lebensgeschichten ihrer Mütter in Ichform wiederzugeben, sich
also erzählend in die eigene Mutter und deren Lebenssituation hineinzuversetzen.
Die Wirkung dieses Rollentausches verblüfft: „In der Rolle
ihrer Mutter konnte keine der Frauen mehr die Mutter anklagen (...)
Wir konnten nachvollziehen, weshalb diese Frau keine bessere Mutter
sein konnte, und entwickelten Mitgefühl mit ihrem Schicksal.“
Und: „Viele Frauen entdeckten, dass sie große Wissenslücken
über das Leben ihrer Mutter hatten.“ Die eigene Mutter oder
auch die Mütter anderer Teilnehmerinnen wurden nicht länger
„nur als Mütter“, die in der Regel hoffnungslos versagt
hatten, wahrgenommen, sondern in der Gesamtheit ihres jeweiligen Lebenszusammenhanges.
Von der berührenden, erhellenden und versöhnlichen Wirkung
dieses Ansatzes vermittelt das vorliegende Buch wohl lediglich eine
Ahnung.
natascha vittorelli
Marianne
Krüll: Die Mutter in mir. Wie
Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen. 354 Seiten, Klett-Cotta
Verlag, Stuttgart 2007
EUR 34,80

Burnout
Es
existieren bereits viele Burnout-Bücher, doch diese Autorin vermittelt
glaubhaft, dass sie weiß, wovon sie schreibt: als Psychotherapeutin
und Nervenfachärztin und zugleich als berufstätige Mutter
von drei Kindern. Burnout, das berufliche Ausbrennen, die gravierendste
Form von Jobstress, nimmt zu. Frauen sind auf spezielle Weise davon
betroffen, da sie nicht die gleichen Arbeitsbedingungen vorfinden wie
Männer, etwa als berufstätige Mütter oder betreffend
die Einkommensschere, sie haben aber auch andere Bewältigungskompetenzen.
Das Buch bietet in verständlicher Sprache einen guten Überblick
über Risikofaktoren und Möglichkeiten zur Selbsthilfe und
Vorbeugung. Hier nennt Dagmar Ruhwandl vor allem Grenzen erkennen, Regenerieren
und Delegieren und führt dies an vielen Beispielen aus ihrer Praxis
näher aus. Unter anderem beschreibt sie Achtsamkeitsübungen
und empfiehlt, Ruherhythmen zu finden, in denen für ein Aussteigen
aus dem täglichen Hamsterrad des Alltags gesorgt wird. Kreative
Übungen wie die, in der der Arbeitsplatz als Person beschrieben
wird, um die Erwartungen mit den Jobstressoren zu vergleichen, beleben
das Lesevergnügen. Die Links im Anhang beziehen sich leider vorwiegend
auf Deutschland. Besonders positiv ist das Betonen der Ressourcen von
Frauen, sich vor Burnout zu schützen. Ein erfrischendes Buch für
Fachpersonen und Interessierte.
Sabine Zankl
Dagmar
Ruhwandl: Erfolgreich ohne auszubrennen. Das
Burnout-Buch für Frauen. 131 Seiten, Klett-Cotta, Stuttgart 2007
EUR 13,30

Weibliche Psychosexualität
Eine Wiener Festveranstaltung anlässlich des 150. Geburtstages
Sigmund Freuds stellte 2006 neuere Ansätze zur Psychosexualität
der Frau vor, deren Vorträge vor kurzem im Bänd-chen „Die
Frau in der Psychoanalyse“ erschienen sind. Colette Chiland sowie
Catalina Bronstein konzentrieren sich hier auf Fragen der weiblichen
Sexualität, des Körpererlebens, die Rolle unbewusster Phantasien
insbesondere für die frühe sowie adoleszente weibliche Entwicklung,
wobei erstere sich vehement gegen die Konzeptionen Judith Butlers ausspricht.
Am spannendsten zu lesen ist jedoch Michael Rohrwassers Aufsatz über
„Freud und die Alma Mater“, der sich u.a. mit der Rolle
von Frauen in der Frühgeschichte der Psychoanalyse beschäftigt.
Insgesamt gesehen ist der Sammelband weitgehend enttäuschend –
nicht nur wegen des strikten Beharrens auf essentialistischen und differenztheoretischen
Weiblichkeitskonzeptionen, sondern auch wegen des Ausblendens neuerer
Diskurse in der Psychoanalyse. Nicht zuletzt ist der Titel ein regelrechter
Etikettenschwindel; Leserinnen, die sich etwa fundierte Forschungsarbeiten
zu diesem Thema erwarten, werden leider enttäuscht.
GH
Die
Frau in der Psychoanalyse. Hg. von Martin Kopeinig, Henriette
Löffler-Stastka und Nikolaus Thierry. 110 Seiten, Facultas Verlag,
Wien 2007 EUR
14,90

Jeder Zeit ihre Krankheit
Mit „Die neuen Leiden der Seele“ legte der Psychosozial-Verlag
einen Klassiker der neueren Psychoanalyse wieder auf. Julia Kristeva,
eine sich auf Freud und Lacan berufende Analytikerin, stellt hier PatientInnen
vor, die mit neuen Symptomen auf der Couch liegen. Das Zeitalter der
digitalen Bilderfluten bringt ein zunehmend isoliertes, aber gleichzeitig
übererregtes Individuum hervor, das Schwierigkeiten mit der Identitätsfindung
hat. Ein weiterer Einflussfaktor ist auch die Neurochemie, die mit ihren
Pillen um sich wirft, wodurch PatientInnen zunehmend sowohl pharmakologisch
als auch psychoanalytisch behandelt werden. Hier tauchen nicht gänzlich
unbekannte Erkrankungen auf (Beziehungsprobleme, sexuelle Schwierigkeiten,
beschädigter Narzissmus, psychosomatische Beschwerden, Depression),
und sie scheinen jenen der „klassischen” Analysierten zu
ähneln. Historische Veränderungen der Kultur, der Gesellschaft,
der Lebensbedingungen, der Wandel von Familie und Sexualität haben
aber neue Symptomatiken hervorgerufen, gemeinsam ist ihnen die Schwierigkeit
der Repräsentation. Die Frage ist: Existiert überhaupt noch
ein Raum für die „Seele“ in der Gesellschaft der Massenmedien,
des Konsums und der Globalisierung?
Petra M. Springer
Julia
Kristeva: Die neuen Leiden der Seele. Übersetzt von Eva
Groepler. 226 Seiten, Psychosozial-Verlag, Gießen 2007 EUR 25,60

Traumafolgen
Die während der Zeit des Nationalsozialismus erlittenen Verfolgungserfahrungen
(Konzentrations- und Vernichtungslager, Ghettos, erzwungene Emigration,
Leben als „Untergetauchte“ etc.) traumatisieren nachhaltig
die Überlebenden – diese wurden und werden mit dem Terminus
„Überlebenssyndrom“ von der internationalen psychologischen
Holocaustforschung analysiert. Gerade hier ist festzuhalten, dass die
negativen Auswirkungen auch für die nächsten Generationen
der Verfolgten (Kinder, EnkelInnen) feststellbar sind. Die deutsche
Psychologin und Psychotherapeutin Sandra Konrad hat in ihrer als Buch
veröffentlichten Dissertation „Jeder hat seinen eigenen Holocaust“
die transgenerationalen Erfahrungen jüdischer Frauen untersucht
– mit der Methode von neun ausführlichen Familienporträts.
Existenzielle Ängste, Zerstörung bzw. Beschädigung des
Sicherheitsgefühls, Gefühle der Heimatlosigkeit ziehen sich
als roter Faden durch die Aussagen aller Befragten. Zugleich arbeitet
die Autorin sehr eindringlich die jeweils sehr unterschiedlichen Überlebensstrategien
der weiblichen Überlebenden heraus. Die sehr lesenswerte Untersuchung
wird abgerundet durch profunde Überblicke über die internationale
psychologische Holocaustforschung sowie der Traumaforschung generell.
GH
Sandra
Konrad: „Jeder hat seinen eigenen Holocaust“. Die
Auswirkungen des Holocaust auf jüdische Frauen dreier Generationen.
Eine internationale psychologische Studie. 444 Seiten, Haland &
Wirth im Psychosozial- Verlag, Gießen 2007
EUR 37,10

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